"Festival vom unsichtbaren Menschen": Peter Lichts heimliches Gesicht

Textpirat und Liedermacher Peter Licht lädt zum "Festival vom unsichtbaren Menschen" nach München. Und versucht der Vermarktung der Individualität ein Schnippchen zu schlagen.

Schamlos harmlos hinter der Tasse: Peter Licht. Bild: promo motor music

Als PeterLicht vor drei Jahren im Frühling - "Sakrileg" hatte gerade die 59. Filmfestspiele von Cannes eröffnet und der DAX den größten Einbruch seit 2001 erlitten - seinen ersten Fernsehauftritt bei Harald Schmidt hinlegte, ließ er sich nur halsabwärts filmen. Auch im Jahr darauf in Klagenfurt - es war Juli, Österreichs Temperaturen kletterten erstmals auf 40 Grad, ein brennender Geländewagen raste in den Flughafen Glasgow, und Marco W. blickte in der Türkei seinem Prozessbeginn entgegen - zeigten die Kameras nur den Hinterkopf des neuen Ingeborg-Bachmann-Publikumspreisträgers.

Das eigene Bild nicht verkaufen, sich der globalisierten Fremdverfügung entziehen, so ist es gemeint. Die Fotos des ausgebrannten Fahrzeugs, des kahlrasierten Angeklagten und der pierrothaften Audrey Tautou im gerafften schwarzen Kleid zogen um den Erdball und wurden ebenso schnell überlagert, weggeschwemmt. Der spleenige Musiker aus Deutschland hingegen blieb unausgestellt - und blieb. Geburtsdatum, Geburtsort, seinen bürgerlichen Namen verrät er bis heute nicht. Und wenn PeterLicht nun nach München gekommen ist, um gemeinsam mit der Choreografin S. E. Struck an den Kammerspielen das "Festival vom unsichtbaren Menschen" zu kuratieren, ist man wider besseres Wissen auf eines besonders gespannt: auf sein Gesicht, das als Marke, als Unique Selling Point mindestens so viel taugt wie die Maske von Sido.

Der Dramaturg Björn Bicker hat ihn eingeladen, nach dem Frontmann der "Goldenen Zitronen", Schorsch Kamerun, ein Konzept für 18 Theaterabende zu erstellen, ein Stück zu entwickeln und schließlich Gäste vorzuschlagen, gleichsam als (anfangs gar nicht intendierte) künstlerisch-sozialkritische Begleitung der Finanzkrise. Den Auftakt bildet ein Konzert im ausverkauften Jugendstilhaus.

Und so sieht PeterLicht also aus: Am Bühnenrand stehend taxiert er die einströmenden Besucher, schlammgrüne Jacke, die Haare grauer als erwartet, das Gesicht mehr das gütige Antlitz eines Industriepatriarchen als das eines coolen Liedermachers. Dann aber setzt er sich, vorn rechts, Parkett, verdammt, man hat sich getäuscht. Bühne und Zuschauerraum tauchen ab ins Dunkel. Die ersten Stücke spielen schwarze Schatten. Als die Mikros dabei tatsächlich kaputt gehen, will es kaum einer glauben. Licht an, die Band wird sichtbar, nur aufgrund der technischen Panne. Mit Hingabe rockt PeterLicht den Kapitalismus, den "alten Schlawiner", peitscht marionettengleich mit dem Arm durch die Luft, als hinge er an dünnen Fäden - hey, hey, wir feiern hier das Festival vom sich total locker machenden Menschen. Das Publikum geht mit, im Sitzen, jetzt bloß keine Zielführung vortäuschen, noch nicht.

Die kommt an einem der nächsten Abende. "Gefallene Worte" heißen die Predigten, zu denen Licht den Jesuitenpater Friedhelm Mennekes aus Köln eingeladen hat: Ist der Individualist nicht der, der sich selbst am besten vermarktet, fragt der. Also Teil eines Systems, eines Kreislaufs, den er ablehnt? Und, da wird man grundsätzlich, gibt es Individualität überhaupt? Noch?

In einem Live-Workshop wird das Duo "Datenstrudel" den fiktiven Künstler Neo Dampf basteln, dessen Internetpräsenz innerhalb weniger Wochen die des Leipziger Malers Neo Rauch übertrumpfen soll. Ein Experiment, das zeigen soll, wie durch gezieltes Marketing eine Identität geboren werden kann. Wenn es klappt wäre das schon erstaunlich.

Als PeterLicht eine Woche später mit "Räume räumen" im Neuen Haus erneut antritt, stehen 14 Jungs mit gepolsterter Wohlstandswampe unterm V-Pulli und Mädchen mit dicken Haarknoten auf der Bühne. Überall wird gesungen, rezitiert, schließlich gemeinsam der Gipfel eines zusammengeshoppten Möbelberges erklommen: Überfluss als Fluchtmöglichkeit.

1.400 klimaschädliche Glühbirnen baumeln kühn von der Decke. Ständig steht der Zuschauer im Weg, muss ausweichen, nach neuen Sichtschneisen suchen, Gefühle zuordnen: Gänsehaut bei Lichts Liedern, vielstimmig vorgetragen zu Klavier, Cembalo, Cello und Xylofon. Unbehagen, wenn sich wieder ein schnell durch den Raum geschleppter Eichentisch nähert. Dazwischen Sequenzen des Klagenfurter Textes "Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends", es geht um Geld und um ein schwarzes, alles verschlingendes Loch mitten im heimischen Wohnzimmer.

Eine Handlung fehlt. PeterLicht bleibt mehr Literat denn Theatermann. Doch Ordnungen durchbrechen, textlich, physisch, das gelingt ihm: Sobald sein Zuhörer einen Platz, eine Position, eine Haltung gefunden hat, wird er sofort wieder verdrängt, fühlt sich im Laufe des Abends zunehmend starr oder unruhig. Es ist eine klirrend kalte Winternacht in München. Steinbrück rechtfertigt sein zweites Konjunkturpaket. Und alles überstrahlt eine künstliche Sonne, "die gelbe Sau", PeterLicht verbeugt sich, lächelt hell übers heimliche Gesicht. Kapitalismuskritik kann ja so schamlos harmlos aussehen.

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