Wandel der Tagesschau

"Nicht die Dummen"

Erst amüsant, dann seriös - bald boulevardesk?: Die "Tagesschau" steht inmitten eines Wandels von der Fernsehsendung zur allgegenwärtigen Nachrichtenfabrik. Das zeigt auch ein neues Buch.

Eines der Gesichter zur Nachrichtenfabrik Tagesschau: 20-Uhr-Sprecherin Judith Rakers. Bild: ap

Die 20-Uhr-Ausgabe vom 24. Februar 2004 markiert einen Tiefpunkt in der Geschichte der "Tagesschau". Damals verlas Jens Riewa die Meldung über einen Gurkenlaster-Unfall: "Der Sänger und Medienstar Daniel Küblböck ist bei einem Verkehrsunfall in Niederbayern verletzt worden." Bilder des C-Klasse-Promis ("Deutschland sucht den Superstar") flimmerten über den Schirm. Dabei kam Küblböck - wie auch ein zweiter Verletzter - weder um, noch schwebte er in Lebensgefahr. Sogar die Unfallstelle wurde gezeigt. Wie gesagt: in der "20 Uhr".

Die Journalisten in Hamburg waren dagegen, Küblböcks Zusammenstoß mit einem Gurken-Transporter in die Sendung zu heben. Einer Anweisung der Münchner ARD-Programmdirektion musste die 80-köpfige Truppe jedoch gehorchen. Seitdem ist klar: Um junge Zuschauer zu locken, muss sich auch das Flaggschiff des gebührenfinanzierten Informationsapparates am Boulevard bedienen.

Dieser Tage hat der Konstanzer UVK-Verlag ein Buch veröffentlicht, das sich mit der "Geschichte einer Nachrichtensendung" beschäftigt: der "Tagesschau". Dort ist nicht nur von dem Gurkenlaster die Rede, sondern ebenso minutiös von den Anfängen der Sendung, die am 26. Dezember 1952 startete.

Die ersten Ausgaben amüsieren. Da war etwa die Rückkehr des künftigen US-Präsidenten Eisenhower von einer Korea-Reise ein Thema. Das Problem: Er war bereits seit Anfang des Monats wieder zu Hause. Das Filmmaterial musste da noch den mühsamen Postweg auf sich nehmen.

Wirklich ernst zu nehmen war die "Tagesschau" erst in den 60er-Jahren, als die Bürger wieder Interesse an deutscher Politik zeigten - und Beiträge in wenigen Minuten "überspielt" werden konnten und so für Tempo sorgten. Auch damals setzten die Macher auf weiche Themen. Der ehemalige "Tagesschau"-Chef Hans-Joachim Reiche sagte: "Ein Millionenpublikum dadurch zu interessieren, dass neben der politischen Nachricht auch Nachrichten aus Sport, Gesellschaft und Technik zu finden sind, hilft der Politik mehr und trägt stärker zur politischen Bildung des Staatsbürgers bei als ein exklusives Nachrichtenprogramm höchsten Anspruchs für ein paar hunderttausend Zuschauer."

Der Unterschied: Reiche sprach von fundierten Berichten etwa über Modetrends. Die sollten dann "über Stoffarten und Farben, Linien und Silhouetten, Rocklängen und Schultersitz" informieren. Von Klatsch und Tratsch war da keine Rede.

Der aktuelle "Tagesschau"-Chef Kai Gniffke wird in der Veröffentlichung wie folgt zitiert: "Unsere Zuschauer dürfen am nächsten Morgen in der U-Bahn, im Bus oder in der Mittagspause nicht die Dummen sein." Die "Tagesschau" will ihre Zuschauer also für Stammtische und Flurgespräche fit halten. Nur gut, dass die Hamburger dabei noch immer zurückhaltender sind als etwa ihre Kollegen vom ZDF.

Die Veröffentlichung "Die Tagesschau", herausgegeben unter anderem von "Tagesschau.de"-Redakteurin Nea Matzen, bietet zwar keine sensationellen Neuigkeiten, dokumentiert aber die Probleme der Fernsehmacher. Zwar bestreiten Verantwortliche aller Sender gerne, was Korrespondenten die "Agenturgläubigkeit" ihrer Heimatredaktionen nennen. Dass Reporter aber schon mal mit eigenen Themenvorschlägen scheitern, weil ihre Redakteure beteuern, Nachrichtenagenturen hätten das noch nicht vermeldet, bestätigt der leitende "Tagesschau"-Mitarbeiter Ekkehard Launer.

Launer berichtet von einem Korrespondenten, der in einer solchen Situation bei der Deutschen Presse-Agentur anrief und bat, eine zum Angebot passende Meldung zu verbreiten. "Die dpa veröffentlichte die Meldung, und kurze Zeit später stimmte auch die Redaktion für den Beitrag des Korrespondenten", heißt es in dem 326-seitigen Buch.

Wie blind selbst die größte TV-Nachrichtenredaktion Deutschlands sein kann, wenn Agenturen ein Thema zunächst nicht hoch hängen, und wie sehr sie bisweilen ihren eigenen Reportern misstrauen, machte Gerald Baars jüngst bei der Vorstellung des Buchs deutlich: Als damaliger ARD-Korrespondent in New York habe er an einem Freitag im Jahr 2000 das Platzen einer Börsen-Blase nach Hamburg gemeldet. Die Redaktion habe das Thema aber nicht gesehen - Agenturen hätten es noch nicht dramatisiert. "Erst am Samstag, als kaum ein Experte greifbar war, haben sie gemerkt, was los ist, und Stücke bestellt."

Solche Ausrutscher kommen bei der "Tageschau" natürlich nicht allzu oft vor. Im Vergleich - auch zu öffentlich-rechtlichen Konkurrenten - steht sie nach wie vor für eine herausragende Qualität. Doch die ist auch bei der "Tagesschau" bedroht: Im modernen Medienzeitalter wird den Hamburgern viel mehr abverlangt als das bloße Bestücken des ersten Programms. So bespielen sie - fast unbemerkt - längst einen ganzen Nachrichtensender: Auf dem Digitalkanal EinsExtra senden sie zu Bürozeiten jede Viertelstunde eine ständig aktualisierte "Tagesschau".

In diesem Frühjahr soll die "Tagesschau" zudem im Internet nicht nur wie bisher live, sondern auch interaktiv ausgestrahlt werden. Zuschauer, die statt des Fernsehers ihren Computer anknipsen, können dann in der laufenden Sendung Karten, Dossiers und Archivbeiträge anklicken. Interaktive Versionen für Mobiltelefone liegen zudem seit Jahren in der Schublade.

Das alles bedroht nicht zuletzt die "20 Uhr". Denn bildlich gesprochen stehen mehr und mehr Redakteure an Fließbändern. Sie spielen "Content" aus und um, statt mit viel Zeit an einzelnen Sendungen zu arbeiten. So ist die "Tagesschau" längst keine Nachrichtenmanufaktur mehr, sondern eine ganze Fabrik.

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