Filmstarts "Hilde" und "Hinter Kaifeck": Nur nicht provinziell sein

Sie versuchen, alles richtig zu machen, und produzieren ein Gefühl der Unzufriedenheit: Kai Wessels "Hilde" und Esther Gronenborns "Hinter Kaifeck", ein Biopic und ein Mysterythriller aus Deutschland.

Erfolf der Marke "Hildegard Knef": Hilde (Heike Makatsch) und ihr Mann David Cameron (Dan Stevens) werden in einer Szene aus "Hilde" begeistert in Berlin empfangen. Bild: dpa

Einerseits verbietet sich ja der Vergleich. Soll man etwa ernsthaft ein deutsches Biopic wie "Hilde" an einer amerikanischen Produktion wie dem Johnny-Cash-Film "Walk the line" messen? Oder einen deutschen Mysterythriller wie Esther Gronenborns "Hinter Kaifeck" M. Night Shyamalans "The Village" gegenüberstellen? Solchen Vergleichen haftet zugleich etwas Gemeines und Lächerliches an. Gemein - weil nun einmal die deutsche Kinoindustrie so viel ärmer und der deutsche Markt so viel kleiner als ihre amerikanischen Gegenstücke sind, dass eben selbst noch Großproduktionen vergleichsweise klein aussehen. Lächerlich - weil die Eigenschaften, an denen man diese "Kleinheit" und "Armut" festmacht, nur schwer präzise zu fassen sind. Man kann sich hinter dem modischen Stichwort der "production values" verschanzen, der den ganzen Komplex von technischem und professionellem Aufwand einer Filmproduktion umfasst. Dennoch bleibt die Schwierigkeit, auf den Nenner zu bringen, warum nun sowohl "Hilde" als auch "Hinter Kaifeck" trotz oder gerade aufgrund ihres sichtlich großen Produktionsaufwands ein besonderes Gefühl von Unzufriedenheit provozieren. Und so hebt sich das Vergleichsverbot in diesem Fall auch wieder auf, denn beide Filme scheinen mit klarer Orientierung auf amerikanische Genrevorbilder gemacht.

Insbesondere "Hilde" hält sich musterschülerhaft an das Lehrbuch der Genreregeln im Fach "Biopic". Der Film setzt ein im Jahr 1966. Die Knef kehrt nach längerer Abwesenheit nach Berlin für ein Konzert in der Philharmonie zurück, wird von einer gierigen Reportermeute am Flughafen empfangen und zieht sich danach ins Hotel zurück, um sich für den Auftritt vorzubereiten. Von dort nun wird in Rückblenden die Geschichte ihrer Karriere erzählt, von den Anfängen an der Babelsberger Filmschauspielschule über die abenteuerlichen Erlebnisse in den letzten Kriegstagen bis in die turbulente Nachkriegszeit. Es ist eine Kette von Erfolgen und Misserfolgen im In- und Ausland, aus dem sich schließlich die Marke "Hildegard Knef" formte, deren herausragendes Kennzeichen der Eigensinn war.

Es ist eine wohlvertraute Formensprache, in der hier erzählt wird: Die Figur, die mit den ersten Einstellungen als berühmt eingeführt wird, die Rückblenden, die den Werdegang als Stationen von Krisenüberwindungen zeigen, wobei überlieferte Sprüche ("Wenn man mit der Kunst verheiratet ist, hat man die Kritik zur Schwiegermutter") und berühmte Anekdoten nahtlos ins Fiktionale eingearbeitet sind. Es ist ein Erzählmuster, das gut funktioniert, und trotzdem all jene, die etwas mit "der Knef" verbinden, enttäuscht zurücklässt. Und das hat weniger mit "production values" zu tun, als mit etwas vielleicht noch Schwammigerem: dem Erkenntnisinteresse.

Man spürt und sieht, dass die Filmemacher und natürlich besonders Heike Makatsch in der Hauptrolle der Figur "gerecht" werden wollten. Der Film will keine Apologie sein. Hilde wird gezeigt als eine sehr ehrgeizige junge Frau, die sich durchaus mit Berechnung als Liebhaber den "Reichsfilmdramaturgen" Ewald von Demandowsky sucht, genauso wie die spätere Heirat mit Kurt Hirsch auch dem Wunsch nach einer amerikanischen Protektion geschuldet ist. Der Film will explizit nicht die Augen verschließen vor den Zweideutigkeiten und den Widersprüchen der Hilde-Karriere, aber das Merkwürdige ist, dass er keine Haltung dazu hat.

Mit großen "production values" rekonstruiert der Film die hochspannende Zeit der Vierziger-, Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre - und zeigt sie als bloße Kulisse. Da treten facettenreiche filmhistorische Gestalten auf wie Erich Pommer, David O. Selznick, Anatole Litvak und viele mehr; sie stellen eine Epoche nach von schmerzlichen Trennungen und merkwürdigen Wiederbegegnungen, den oft seltsamen Wechselfällen von Nazizeit und Nachkriegszeit - aber es bleibt bei der Biopic-Nummernrevue, beim Name-Dropping, erfahrbar macht der Film darüber wenig. Ähnliches wiederholt sich auf der Ausstattungsebene: Man erkennt, wie sorgfältig die Locations gescoutet und gebaut wurden, und doch bleibt der Flughafen Tempelhof eine Pappkulisse ganz ohne Atmosphäre.

"Hilde" lebt ganz von Heike Makatschs Performance, die mit Verve das amerikanische Konzept der Totalverwandlung in eine historische Person kopiert. Auch hier ist offensichtlich, wie sorgfältig gearbeitet, wie viel Mühe verwandt wurde bis hin zur sehr speziellen Knefschen Stimmlage, die Makatsch zu treffen versucht. Und darin zeigen sich zugleich die Grenzen des Verfahrens, engt doch der Zwang zur Imitation den Spielraum der Interpretation ein. Dabei ist "Hilde" kein schlechter Film, er erzählt flott, ist kundig gemacht - und trotzdem wünscht man sich, es sei weniger ins "Äußere", die "production values", investiert worden und dafür mehr in die Suche nach einer Perspektive auf die Figur und die Epoche.

Was fehlt, wenn einfach die Erfolgsrezepte der "Großproduktionen" angewandt werden, macht der zweite deutsche Film, der diese Woche mit großer Ambition anläuft, vielleicht noch deutlicher: In "Hinter Kaifeck" überführt Esther Gronenborn einen sehr deutschen Stoff ins Genre des Mysterythrillers. Der Mordfall, der sich in Hinterkaifeck 1922 ereignete, machte in letzten Jahren durch gleich mehrere Bücher erneut Furore. Peter Leuschner hatte ihn bereits 1978 in einem Sachbuch aufgearbeitet, das seither mehrfach neu aufgelegt und ergänzt wurde; 2007 feierte Andrea Maria Schenkel mit ihrem Kriminalroman "Tannöd" große Erfolge.

Gronenborn versuchte nun keine Literaturverfilmung, sondern einen eigenen Ansatz: Benno Fürmann spielt einen Fotografen, der mit seinen Sohn auf Motivsuche durchs Allgäu fährt. Es ist die Zeit der "Raunächte", ein örtlicher Volksbrauch, bei dem Verkleidete durchs Dorf ziehen in teils unheimlicher Gestalt. In einem Ort namens Hinter Kaifeck beziehen Vater und Sohn Quartier in einer umgebauten Scheune bei einer freundlichen jungen Frau (Alexandra Maria Lara). Alles sieht nach friedlichem, wohlgenährtem, westdeutschen Landidyll aus. Doch Fürmann suchen nachts unheimliche Visionen heim, und mehr noch, wenn er sich nackt ins Bett legt, wacht er morgens bekleidet und zersaust auf. Bald stößt er auf die Mordstelle, wo vor 80 Jahren eine ganze Familie erschlagen wurde. Nicht nur die seltsamen Blicke der verstockten Nachbarn, sondern auch eine geheimnisvolle Frau im roten Kleid suggerieren ihm, dass er damit unmittelbar etwas zu tun hat.

"Hinter Kaifeck" löst im Zuschauer ganz ähnliche Gefühle aus wie "Hilde": Da ist die aufwendige Produktion, die stimmige Gesamtgestaltung. Man hat versucht, alles richtig zu machen und eben nicht "provinziell" zu erscheinen. Aber vielleicht liegt gerade darin der Fehler. Zwar greift der Film den Volksbrauch der "Raunächte" auf, verzichtet aber auf den hervorstechendsten Zug, den die deutsche Provinz nun mal auszeichnet: den Dialekt. Das hat einen fast unfreiwillig unheimlichen Effekt: Ein Dorf im Allgäu, in dem noch nicht einmal der Pfarrer eine "Färbung" hat - das wirkt in der Tat mysteriös.

Dabei steckt hier vielleicht ja eine richtige Überlegung dahinter, schließlich gehen die Dialekte unweigerlich mit Klischees einher, sind oft überdeutlich in ihrer regionalen Kenntlichkeit. Und doch kann man ihn der "production values" wegen nicht einfach weglassen. So kommen Filme heraus, die gemacht wurden wegen des Filmemachens - und nicht wegen der Filme selbst.

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