Debatte Postkapitalismus (V)

Schwarzer Schwan

Abschwung und Psyche - Fehlannahmen über Wachstum und Vertrauen wurden zerstört. Das hat auch sein Gutes. Ein Plädoyer für das Misstrauen.

Im Zen-Buddhismus gibt es eine "Meditation des Nichtwissens". Immer dann, wenn die hektische innere Stimme vorhersagen will, was demnächst passieren, mit welcher Handlung man welche Folgen schaffen könnte, dann soll sich der Übende sagen: Weiß ich nicht. Wie lange wird die Finanz- und Wirtschaftskrise noch gehen? Weiß ich nicht. Wer das vor sich hin murmelt, soll in seinem Kopf Leere und damit Platz schaffen für noch nie Gedachtes.

GERHARD SCHERHORN (VI):

Finanzkapital rettet die Banken

ANKE DOMSCHEIT (IV):

Die neuen Trümmerfrauen

RUDOLF WALTHER (III):

Innenausstatter mit Ethik gefragt

ULRIKE HERRMANN (II):

Wie schrumpft man eine Bank?

SASKIA SASSEN (I):

Primitive Akkumulation

Wir alle sind zurzeit Zen-Buddhisten, denn die Krise informationstechnisch zu verarbeiten ist eine echte Herausforderung. Zumal ja schon die offiziellen Handlungsanweisungen verwirren: Wir sollen mehr konsumieren, damit die Wirtschaft am Ende besser dasteht. Noch vor kurzem jedoch rief die Politik vor allem zum Sparen und zur Eigenvorsorge auf.

Es klafft eine Bewältigungslücke zwischen dem machbaren Medienkonsum und der Komplexität des Finanzwesens. Denn die abstrakten Zusammenhänge der Finanzwelt sind weit entfernt von unserem Lebensalltag. Wann sollen normal belastete BürgerInnen all die Artikel lesen über Konjunkturpakete, Notenbanken, Deflation, ganz abgesehen vom Ölpreis? Woher soll man das Vertrauen nehmen, dass die Schulden, die durch staatliche Hilfen entstehen, am Ende nicht doch wieder von SteuerzahlerInnen oder Hartz-IV-Empfängern ausgeglichen werden müssen? Welchen Experten soll man glauben?

Die Spekulation hat sich vom Finanzwesen in die Politik und damit bis in die Mitte der Gesellschaft ausgebreitet. Mal angenommen, in der "Sendung mit der Maus" würden erst Subprime-Kredite und dann die Konjunkturpakete der Politik in ihrer Wirkungsweise vorgestellt - einem Kind wäre nicht wirklich klarzumachen, dass nur die faulen Kredite hochspekulativ, die Staatsinterventionen hingegen eine sichere Sache sind. Dass jetzt die US-Notenbank anfängt, einfach mehr Geld zu drucken, trägt nicht zur Beruhigung bei.

Wir - insbesondere auch die Mittelschicht - müssen also lernen, mit mehr Ungewissheit zu leben. Ungewissheit ist nicht ganz so schrecklich, wenn man sich überlegt, dass es der Glaube an scheinbare Gewissheiten war, der die Wirtschaftskrise mit verursachte. Nassim Nicholas Taleb, Banker, Autor und einige Jahre lang Professor für Ungewissheit (das gibt es wirklich) an der University of Massachusetts Amherst, beschreibt dazu das Problem des "schwarzen Schwans".

Laut Taleb orientieren wir uns bei unseren Handlungen an unseren Beobachtungen, ohne aber mögliche seltene Ereignisse mit einzubeziehen. Auch wenn wir tausende von weißen Schwänen gesehen haben, ist eben nicht auszuschließen, dass es schwarze Schwäne gibt. In Australien hat man eine solche Art tatsächlich entdeckt. Ein schwarzer Schwan aber wiederum reicht, um die Überzeugung, dass alle Schwäne weiß sind, zu kippen.

Übertragen auf die Finanzkrise bedeutet dies: Das Bewusstwerden der Risiken durch die faulen Kredite war der "schwarze Schwan", der genügte, um den Glauben der gesamten Finanzwelt an sich selbst zu erschüttern. Das Minuswachstum ist ebenfalls ein "schwarzer Schwan", mit dem niemand rechnete, der aber immer existiert hat im Kapitalismus.

Die falsche Annahme, dass alle Schwäne weiß sind und es gleichbleibend beim Wachstum aufwärtsgeht, führte zu einer dramatischen Unterschätzung von Risiken. Das Bankenwesen ist für diese Schwanereien besonders prädestiniert, weil das System Verantwortungslosigkeiten erleichtert. Menschen reagieren auf abstrakte Gefahren weniger aufmerksam als auf konkrete und sichtbare Risiken, sagt nicht nur Taleb. Auch der Verhaltensökonom Dan Ariely berichtet von Studien, in denen Menschen mit Spielgeld, selbst wenn es am Ende in echtes Geld umgetauscht wird, sehr viel sorgloser agierten als mit Dollarscheinen.

Die Finanzwissenschaften wiegen uns dabei in trügerischen Gewissheiten. Denn Finanzwissenschaftler können sich im Unterschied zu den Naturwissenschaftlern nicht auf Experimente beziehen. Sie ziehen ihre Schlüsse aus der Historie, auf Daten aus der Vergangenheit, auf endlose Werte zu Börsenkursen etwa. Dann werden Interpretationen vorgenommen, die rückwirkend Kohärenz herstellen und gleichzeitig die Basis für Entscheidungen bilden, die in die Zukunft wirken. Das Problem: Die Rolle des Zufalls wird dabei unterschätzt.

Ein Beispiel: Investmentbanker gelten als erfolgreich, wenn sie hohe Gewinne erzielen. Dass aber möglicherweise die hohen Gewinne mehr auf Glück beruhen und dann erst in der Rückschau den Bankern das Image verleihen, erfolgreich zu sein - das wird bei diesem "Survivor Bias" oft nicht wahrgenommen.

Hinzu kommt ein Drang, einzelne Erfahrungen schnell in Zusammenhänge setzen zu wollen. Wir versuchen, zu unseren Erlebnissen passende Glaubenssysteme zu konstruieren, damit wir uns der Welt nicht so unkontrollierbar ausgesetzt fühlen. Diese oft hochideologische Einordnung wird von den Medien befördert, denn deren Auftrag ist ja die rasche Vereinfachung, um den Konsumenten die Denkarbeit zu erleichtern.

Man könnte die Krise also auch "gegen den Strich" lesen: Der Kapitalismus hat sich selbst entlarvt. Darin liegen durchaus Chancen. Misstrauen in dieser Unsicherheit hat nämlich auch sein Gutes. Es ist falsch, die "Vertrauenskrise", in der manche Bürger und Kleinanleger stecken, so schnell wie möglich bewältigen zu wollen. Im Gegenteil: Ein gewisses Misstrauen der BürgerInnen war längst fällig. Auch im Nahbereich.

Ein kleines Beispiel: Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hat im vergangenen Jahr festgestellt, dass viele Kleinanleger ihren Sachbearbeiter bei der Bank immer noch als vertrauenswürdigen, unabhängigen Ratgeber wahrnehmen und sich daher überteuerte Produkte der Riester-Rente aufschwatzen lassen. Hier dürfte nicht zuletzt die Krise dazu führen, dass viele Kunden jetzt kritische Fragen nach Risiken und Bankenprovisionen stellen. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden Bankangestellte im Volksmund als "Bankbeamte" bezeichnet. Was also auch erschüttert wurde, ist der Glaube an die Neutralität von nahen Akteuren, die aber letztlich nur eigene Interessen vertreten.

Mit mehr Ungewissheit zu leben, bedeutet, dem öffentlichen Herstellen von Zusammenhängen gegenüber misstrauisch zu sein. Und das ist wichtig, wenn jetzt neue Glaubenssysteme konstruiert werden, was denn nun genau wie hilft gegen die Krise.

Wer sagt, zum Beispiel, dass allein das Wiederherstellen von hohen Wachstumsraten und nicht die Verteilung erstes Ziel der Wirtschaftspolitik sein muss? Und warum muss ein Industriezweig mit Überkapazitäten wie etwa die Autoproduktion dringend in großem Stil mit Steuergeldern gestützt werden? Beinhaltet das Konjunkturpaket II nicht auch unterschätzte Gefahren, etwa das Verpulvern von Steuergeldern? Wäre es nicht sinnvoll, diese Risiken der politischen Spekulation derzeit eher kleiner zu halten - oder sie zumindest fair zu verteilen?

Die Zerstörung von Glaubenssätzen hat dabei auch ihr Gutes: Es ist eindeutig erwiesen, dass es nicht zu hohe Steuern oder Abgaben waren, die zu den heutigen Problemen führten. Wenn es ans Bezahlen der Staatshilfen geht, sollte man daran erinnern.

BARBARA DRIBBUSCH

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Redakteurin für Sozialpolitik und Gesellschaft im Inlandsressort der taz. Schwerpunkte: Arbeit, Psychologie, Alter, Flüchtlinge. Bücher: "Schattwald", Roman (Piper, August 2016). "Können Falten Freunde sein?" (Goldmann 2015, Taschenbuch).

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