Fall Klasnic: Pillenprozess eröffnet

Ivan Klasnic tritt als Kläger gegen den Mannschaftsarzt von Werder Bremen auf. Die Vereinsführung seines alten Clubs hat dafür wenig Verständnis, doch von den Fans wird er immer noch verehrt.

Ivan Klasnic will endlich Klarheit: „Ich hätte auf dem Platz sterben können.“ Bild: dpa

BREMEN taz Es ist anzunehmen, dass etliche Prozesszuschauer den großen Strafkammersaal des Bremer Landgerichts heute mit einem grünen Trikot betreten. Zwar nicht im aktuellsten Modell des Fußball-Bundesligisten, dafür aber mit der Nummer 17 auf dem Rücken. Und dem Namen Klasnic drauf. Noch immer ist Ivan Klasnic, Profi bei Werder Bremen zwischen 2001 und 2008, in der Hansestadt eine Art Idol. Spitz- und Rufname: Ivan. Oder „der Killer“. Weil kaum einer so kaltschnäuzig die Kugel aus dem Nichts über die Linie bugsierte wie der in Hamburg geborene Kroate. Dass Torjäger wie Ailton oder Miroslav Klose an der Weser groß rauskamen, war auch sein Verdienst: Klasnic war ihr kongenialer Nebenmann. Für die Anhänger ist er bis heute ein Hauptdarsteller.

Nun tritt er in einer anderen Rolle auf: als einer, der seinen alten Arbeitgeber vor Gericht zerrt, der alle Vergleichsversuche im Vorfeld hat platzen lassen. „Ich will Klarheit, wer Fehler mit meiner Gesundheit gemacht hat“, sagt Klasnic, „es geht mir nicht um die Entschädigung.“

Auf 1,427 Millionen Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld klagt der 29-Jährige, weil er der Ansicht ist, dass seine erst im zweiten Versuch erfolgreiche Nierentransplantation zu verhindern gewesen wäre. Wenn man ihn richtig behandelt hätte; wenn man seine Blutwerte nicht falsch gedeutet hätte; wenn man ihm nicht Unmengen nierenschädlicher Schmerzmittel verabreicht hätte.

Seine Ehefrau Patricia, die im Hintergrund als treibende Kraft gilt, sagt sinngemäß, ihr werde heute noch schlecht, wenn sie an die Tablettenmenge denke, mit der Klasnic vor allem den Wirkstoff Diclofenac zu sich nahm. „Ich habe Medikamente geschluckt wie ein Junkie“, gab er einmal zu. Heute um 10 Uhr tritt der Kläger vor der dritten Zivilkammer Werders Mannschaftsarzt Dr. Götz Dimanski gegenüber, sofern der rechtzeitig von der Dienstreise zum Europapokalspiel in Udine zurück ist. Auch die Internistin Manju Guha ist verklagt.

Der Alltag für den Profifußballer, der als Stimmungskanone und Scherzbold galt, hat sich dramatisch verändert. Nichts ist mehr so unbeschwert wie einst, als Klasnic für Werder spielte und in Habenhausen nahe am Weserdeich wohnte. Jetzt ist seine Bleibe ein Mietshaus in Nantes, und von den meisten Gegenspielern in der französischen Ligue 1 hatte er zuvor noch nie gehört. Immerhin: Beim FC Nantes hat Klasnic in 24 Spielen fünf Tore erzielt, doch wirklich glücklich wirkt er nicht. Auffällig oft ist er in Bremen gewesen – nicht nur um sich routinemäßig untersuchen zu lassen.

Auch bei Werder-Heimspielen schaute er zuletzt vorbei, begrüßte Bekannte, besuchte frühere Mitspieler. Doch sein Verhältnis zum Exverein ist gespalten. Vor allem zu den Bossen. Mit Sportchef Klaus Allofs streitet er gerade um die Uhr, die es zum Abschied gab – sie soll noch immer in der Geschäftsstelle liegen. Einerseits. Andererseits war Werder auch ein Stück Heimat, die der FC Nantes nie sein wird.

Der Klub, die Sprache, das Land – die Familie fühlt sich fremd. Mitunter fremdelt auch der Korpus des Ivan K. Ständig muss er Medikamente nehmen, damit der Körper das implantierte Organ nicht abstößt. Wohl in sechs, sieben Jahren braucht er wieder eine neue Niere. Mutter Sina und Vater Josip haben schon gespendet. Dass ihr Sohn überhaupt Leistungssport machen kann, grenzt an ein Wunder. Doch darum geht es ihm in dem Prozess nicht. Dem Vernehmen nach wird ein externer Gutachter beauftragt und dann in zwei, drei Monaten ein Urteil gesprochen. Klasnic beharrt darauf: „Ich hätte auf dem Platz sterben können.“

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