Sparzwang beim Hessischen Rundfunk: Schunkelnd durch die Krise

Helmut Reitze, Intendant des hr, predigt "Innovationen" - und setzt auf Volksmusik und Folklore. Gleich zwei Nachrichtensendungen werden gestrichen.

Der Intendant des Hessischen Rundfunks, Helmut Reitze, will auf Kosten journalistischer Inhalte Gelder einsparen. Bild: dpa

FRANKFURT/MAIN taz | Der Hessische Rundfunk (HR) muss nach eigenen Angaben bis 2012 exakt 64 Millionen Euro einsparen; ab sofort also 16 Millionen Euro per annum. Geringere Werbeerlöse und Finanzerträge sowie eine hohe Zahl von Geräteabmeldungen und die steigende Anzahl von Befreiungen von der Zahlung der Rundfunkgebühren nannte der Sender als Gründe. Dazu kämen Ausfälle von Fördergeldern.

Und HR-Intendant Helmut Reitze weiß genau, wo jetzt der Rotstift zum Einsatz kommen muss. Im Programm von HR 3 TV jedenfalls werden gleich zwei Nachrichtensendungen gestrichen: "Hessen aktuell" am Nachmittag und das "Hessenjournal" um 21.45 Uhr. Übrig bleibt nur die "Hessenschau" um 19.30 Uhr. Dass ab Herbst dann auch populäre und renommierte Moderatoren wie etwa Claudia Schick - im Ersten auch bei "Report" zu sehen - oder Holger Weinert weniger zu sehen sein werden, scheint Reitze billigend in Kauf zu nehmen. Die Einsparungen, von denen auch der Etat für die freien Mitarbeiter betroffen sein soll, würden "neue Spielräume für innovative Programmideen schaffen", meinte Reitze bei der Vorstellung der Sparmaßnahmen auf einer Personalversammlung. Nicht wenige Mitarbeiter halten das für "blanken Zynismus".

"Innovative Programmideen" wie etwa die Ausstrahlung von noch mehr Volksmusiksendungen und schnulzigen Heimatfilmen zur besten Sendezeit? Oder weitere hirnrissige Quizsendungen mit Jörg "Bombi" Bombach als kalauerndem "Hessebub"? Tatsächlich ist der HR auf dem besten Weg, den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) rechts zu überholen. Am Tag der Arbeit war auf HR 3 um 20.15 Uhr "Unser Lied für den Grand Prix!" zu sehen, "ein Wiedersehen mit Mary Roos, Lena Valaitis und Nicole".

Dabei war der HR für Kritiker noch in den frühen 80er Jahren "der Rotfunk" schlechthin. Seine "hochpolitischen" Programmmacher, Redakteure und Moderatoren waren den Konservativen ein spitzer (linker) Dorn im (rechten) Auge. Doch in Wiesbaden regiert seit 1999 Roland Koch (CDU). Und spätestens seit dem April 2003 war beim HR mit der Übernahmen der Intendanz durch Reitze - dem Favoriten von Koch - dann endgültig Schluss mit (linkem) Lustig.

Eine Sendung mit Ecken und Kanten wie "Dienstag! Das starke Stück der Woche!" flog endgültig aus dem Programm. Auf der Abschussliste der Union stand das Magazin schon länger. Denn auf dem Höhepunkt der Spenden- und Schwarzgeldaffäre der CDU im Jahr 2000 forderte "Dienstag!" in einem satirischen Beitrag die Zuschauer auf, den "Arsch des Jahres" zu wählen. Als Kandidaten dafür wurden ein BSE-Rind, ein Kampfhund und Roland Koch präsentiert. Auf Druck der hessischen CDU musste der Autor Eduard Erne anschließend gehen.

Im Hörfunk wurde die politische Sendung "Der Tag" von HR 1 in den Nischensender Kultur HR 2 verschoben - und HR 1 endgültig zum Dudelradio mit "Spaßfaktor". "Seitdem geht es mit dem HR endgültig bergab", sagte ein Insider aus dem Umfeld der Intendanz aktuell der taz: "Koch und Reitze - eine Front! Das müssen wir jetzt ausbaden."

Beim Hörfunk will Reitze rund 4 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Aus dem Programm gestrichen werden sollen die HR 2-Kindersendungen. Laut Insidern sei der "ganze Sparzwang" jedoch nur vorgetäuscht und ein "Vorwand für einen weiteren Rechtsruck beim Sender respektive für dessen endgültige Boulevardisierung". Der HR verfüge nämlich über Rücklagen von mehr als 30 Millionen Euro, mit denen die bisherige Programmstruktur wenigstens für die nächsten zwei Jahre erhalten bleiben könne. Reitze sieht das anders. Und Koch darf sich freuen.

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