Resozialisierungsfilm "Boy A": Kein Entkommen

Als Kind straffällig und verurteilt, später ohne Halt: Der britische Spielfilm "Boy A" von John Crowley zeigt ein beschädigtes Leben.

Jeder verdient eine zweite Chance - aber nicht jeder hat sie. Jack soll resozialisiert werden. Bild: Senator

Ausgerechnet "Escape" steht auf den angesagten Nike-Sneakers drauf, die Jack kurz nach seiner Entlassung geschenkt bekommt. Als könne man mit diesen Tretern jedem Schlamassel entkommen. Wie Dorothy, die im "Wizard of Oz" die Hacken ihrer roten Schuhe aneinanderschlägt, wenn ihr die Magie, die sie umgibt, zu schwarz wird. Wenn sie sich vor Abseitigem gruselt, um Leib und Seele fürchtet oder ihre humanistische Herzensmission gefährdet sieht. - "Mir schwant, wir sind nicht mehr in Kansas."

Jacks Kansas ist eine verwahrloste, von Kränkungen und Krankheit zerrissene Familie. Kein Ort, der nach Apfelkuchen und Heimat duftet.

Und einmal sieht es tatsächlich so aus, als versuche Jack, der eigentlich Eric heißt, auch seine Hacken aneinanderzuschlagen. Im Gerichtssaal bei seiner Verhandlung. Da kommt er, der damals 11-jährige Knirps, noch nicht einmal mit den Füßen auf den Boden. 14 Jahre ist das jetzt her. Und es ist unwahrscheinlich, dass der Trick mit den Schuhen irgendwann einmal klappen könnte.

Jack (Andrew Garfield) soll resozialisiert werden. Ein neues Leben. Nach verkorkster Kindheit und Knast bereits sein drittes. Das ist schon die ganze Magie, die die Geschichte, sein Land, insbesondere das Gesetz für einen wie ihn parat hält. Und damit es auch nur den Hauch einer Chance hat, tritt er es unter einem neuen Namen an. Den alten hat die Presse längst zu einem Fluch gemacht. Mit einer neuen Familie, die sich allein aus seinem väterlich bemühten Bewährungshelfer Terry, gespielt von Ken Loachs Lieblingsschauspieler Peter Mullan, formiert.

Das Schönste an "Boy A" von John Crowley (nach dem Bestseller von Jonathan Trigell) ist vielleicht, wie unspektakulär und vorsichtig er fotografiert ist und seinen Plot entwickelt. Wie er Jack über die Schulter schaut, wenn der sich durch diese ungewohnte Existenzform wie ein Fahrschüler auf einer aggressiv befahrenen Autobahn fortbewegt. Zögerlich fädelt er sich ein, findet einen Job, erprobt sich schüchtern im Gespräch unter buddies und weiß lange noch nicht, wie man mit jungen Frauen spricht. Er ist nicht erwachsen geworden, nicht einmal auspubertiert. Das letzte Mädchen, das er in Freiheit zu Gesicht bekommen hat, war so alt wie er und hörte nicht auf zu schreien, als sein durchgeknallter Freund es mit einem Teppichmesser niederstach. Eric war dabei, machte mit. Das reichte für den Bau.

"Boy A", so wurde der Angeklagte während des Prozesses zu seinem eigenen Schutz anonymisiert, ist die Geschichte einer verhinderten Mündigkeit. Die Tat und ihre Ahndung haben das verhindert. Und die englische Justiz muss sich fragen lassen, ob die Strafmündigkeit von Kindern Irrsinn oder Ultima ratio ist. Ob man eine Gesellschaft auf diese Weise vor ihren aus der Spur geratenen Blagen schützen muss oder doch lieber die kriminellen Kids vor den Strafen des Apparates. Film wie Buch deklinieren das mit einer bemerkenswerten Sturheit durch, indem sie aus dem Täter erst einen Helden und dann ein Opfer machen. Und aus dem Tatwerkzeug ein Instrument, mit dem Jack einem Mädchen später das Leben rettet. Wieder macht er Schlagzeilen. Als ein anderer vernachlässigter Sohn Jack als Eric entlarvt, macht er noch mehr davon.

Aus diesem Leben gibt es kein Entkommen. Hier wird nichts wieder ganz oder gut. Und der einzige Erwachsene, der hier Sorge tragen soll, schafft nur wieder neue Defizite. Kansas ist nicht in Sicht.

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