Schach-Talent: Auf den Spuren des Ungeheuers

Sergej Karjakin, ein einst als Wunderkind verehrtes 19-jähriges Supertalent, verlässt seinen Heimatverband Ukraine und will künftig unter russischer Fahne die Elite aufmischen.

Wurde schon mit 13 Jahren als Schach-Wunderkind gehandelt: Sergej Karjakin. Bild: ap

BADEN-BADEN taz Der Aderlass im russischen Schach erfährt erstmals eine spektakuläre Umkehr: Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion rochierten mehr als 100 Großmeister in andere Länder und verstärkten nicht nur die deutsche Nationalmannschaft erheblich. Jetzt kehrt mit Sergej Karjakin der jüngste Großmeister aller Zeiten der Ukraine den Rücken und soll dem russischen Schachverband bald wieder den angestammten Platz auf dem WM-Thron sichern.

Das wohl letzte Turnier unter gelb-blauer Flagge spielte das laut Experten "Jahrtausend-Talent" mit einer Weltauswahl ausgerechnet gegen Aserbaidschan in Baku, tritt Karjakin doch mit dem Wechsel endgültig in die großen Fußstapfen des "Ungeheuers von Baku". So wurde der dort geborene Garri Kasparow (46) vor seinem Rücktritt ehrfürchtig genannt. Der heutige russische Oppositionspolitiker gilt zusammen mit dem verstorbenen Bobby Fischer als größter Schachspieler aller Zeiten.

Einen Rekord der amerikanischen Legende pulverisierte Karjakin bereits: Mit zwölf Jahren und sieben Monaten wurde er jüngster Großmeister aller Zeiten. Als Bobby Fischer 1958 mit fünfzehneinhalb diesen schwarzen Gürtel des Denkspiels erobert hatte, galt dies als eine Bestmarke für die Ewigkeit.

Inzwischen stagniert Karjakin seit längerem trotz seines Sieges im Januar beim Topturnier in Wijk aan Zee. Der 19-Jährige aus Simferopol macht dafür die mangelnde Förderung seines Verbandes verantwortlich. "Ich erhalte in der Ukraine nur ein bisschen Unterstützung durch private Sponsoren", klagt der Weltranglisten-23. und fügt an: "Ich muss mit guten Trainern arbeiten - und in Russland hat es gute Trainer."

Besonders angetan hat es ihm Juri Dochojan. Den Großmeister und ehemaligen Coach von Kasparow heuerte Karjakin selbst an - ehe der russische Schachverband dem eigenen Nationaltrainer die Zusammenarbeit mit einem "Ausländer" verbot. Nun zieht der Ukrainer mit seinen Eltern nach Moskau. Vater Alexander Karjakin beantragte bereits die russische Staatsbürgerschaft und hofft: "Die russischen Trainer sollen Sergej helfen, seinen Traum zu erfüllen, Weltmeister zu werden."

Karjakins bisherige Nationalmannschaftskollegen zeigen Verständnis für den Schritt. "Ich denke, Sergej hat mit der enormen Unterstützung des russischen Verbandes die Chance, seine Fähigkeiten zu vervollkommnen und nach dem Titel zu greifen", meint Weltklassespieler Pawel Eljanow. Nur Verbandschef Viktor Petrow zeigt wenig Verständnis, sei Karjakin doch in Kramatorsk und auf der Krim als Kind kräftig gefördert worden.

Beim Duell der Weltauswahl gegen Aserbaidschan zeigte der 19-Jährige nach kurzer Zusammenarbeit mit Dochojan eine überzeugende Vorstellung. Mit 5:3 Punkten trug Karjakin dazu bei, dass die starken Aseris in dem Schnellschach-Wettbewerb eine 10,5:21,5-Schlappe kassierten. Weltmeister Viswanathan Anand (Indien) war bei der Weltauswahl einen halben Zähler besser als Karjakin, der inzwischen für Spanien spielende Alexej Schirow einen halben schlechter. Wladimir Kramnik ragte heraus: Der 33-jährige Ex-Weltmeister unterstrich mit grandiosen fünf Siegen und nur drei Remis, dass nicht nur mit den russischen Neubürgern zu rechnen ist. HARTMUT METZ

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