Entdeckung

Die Energie der Farben

Der Braunschweiger Axel Dick machte sich in den 1970er Jahren einen Namen als deutscher Optical Art-Künstler. Nach seinem Tod entdeckte seine Frau unbekannte Werke von Dick auf dem Speicher. Der Kunstverein Wolfsburg organisierte daraufhin die Ausstellung "Optical Art from Brunswick".

Acryl auf Leinwand: Dicks "Bewegtes Lichtfeld" aus dem Jahr 1968. Bild: Kunstverein Wolfsburg

Es war ein heißer Tag im Sommer des Jahres 2007, als Birgit Dick den Speicher ihres Hauses in Braunschweig-Mascherode betrat. Sie war auf der Suche nach einer Arbeit ihres 2006 verstorbenen Mannes. Es ging um ein Bild, das die Macher einer Ausstellung in Köln gerne zeigen wollten. Birgit Dick wusste zwar, welches Bild die Kölner meinten, sie wusste aber nicht, wo sie anfangen sollte, zu suchen. Ihr Mann hatte über 50 Jahre als Künstler gearbeitet. Und der Speicher bei Dicks ist groß.

Über eine Hühnerleiter sei sie in einen Bereich des Speichers vorgedrungen, den jahrzehntelang niemand betreten habe, sagt Birgit Dick. Dort standen eingepackt in dicke Baufolien Bilder, von denen weder sie noch ihre Tochter etwas wussten. "Mein Mann hat ja nie ein Werkverzeichnis angelegt", sagt Birgit Dick, außerdem handelte es sich um Bilder, von denen einige noch nie in einer Ausstellung gezeigt worden waren. Birgit Dick erzählte Dieter Söchtig und Justin Hoffmann vom Kunstverein Wolfsburg von dem Fund. Und nun sind die Werke aus den Jahren 1964 bis 1974 in der Ausstellung "Optical Art from Brunswick" im Kunstverein zu sehen.

Den Begriff "Op Art" prägte die Zeitschrift Time im Jahr 1964.

Fasziniert von den physikalischen Gesetzen des Lichts und der Optik verschreibt sich diese Kunst der Untersuchung visueller Phänomene und Wahrnehmungsprinzipien.

Von besonderem Interesse war für einige Künstler, dass gewisse abstrakte Formmuster ein Flimmern vortäuschen und so die Wahrnehmung destabilisieren.

Zu den Stars der Op Art gehören Victor Vasarely, Bridget Riley und Henryk Berlewi.

Axel Dick starb 2006 im Alter von 70 Jahren. Er lebte ab 1960 in Braunschweig, wohin er nach seinem Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin gegangen war. Dick verdiente sein Geld als Kunstlehrer an einem Gymnasium in Braunschweig, den Rest seiner Zeit widmete er der eigenen künstlerischen Produktion.

Ein Wendepunkt in seinem Leben war seine erste Reise in die USA im Jahr 1965. Dick war beeindruckt von New York bei Nacht, von den Leuchtreklamen, den Neonröhren und der vielen Technik, die das Stadtbild prägt. Zu Hause in Braunschweig machte er erste Lichtfelder-Bilder, außerdem Werke mit Neon und Plexiglas. Danach widmete sich Dick der Optical Art (Op Art), dachte nach über die Energie von Farben und über optische Erscheinungen, die wirkten, als seien die Farben bewegt. In den 1970er Jahren galt er als einer der wichtigsten deutschen Vertreter der Op Art, nachdem er in einschlägigen Büchern in einem Atemzug genannt wurde mit den Künstlern Günther Uecker und Peter Sedgley.

Aber ein Star im Kunstbetrieb wurde Axel Dick nicht. Das Verkaufen war nicht seine Sache und seine Arbeiten zeigte er eher in Göttingen oder Oldenburg, als in Berlin oder Hamburg. Für den Braunschweiger Dick wurde Wolfsburg "die zweite Heimat", sagt seine Frau Birgit. Eine ihrer stärksten Wolfsburg-Erinnerungen ist, wie sie zusammen im Jahr 1967 anlässlich eines Stipendiums einige Zeit im Wolfsburger Schloss lebten - und bei der Arbeit in der Druckwerkstatt im Radio hörten, dass in Berlin der Student Benno Ohnesorg erschossen worden war.

1971 entwarf Dick im Auftrag der Stadt Hamburg eine Wand aus Neonlicht in Fischbek-Neugraben und bekam Probleme, weil die Realisation teuerer wurde, als erwartet. "Natürlich ist die Natur - Kunst ist künstlich", soll er mal gesagt haben. Ein weiterer Wendepunkt im Leben von Axel Dick war, als er seine Bilder 1977 auf der Funkausstellung in Berlin im Blaupunktpavillon zeigte. Die Bilder wurden anschließend gestohlen und tauchten nie mehr auf. Dick hörte danach für einige Jahre auf, seine Arbeiten auszustellen. Dafür gründete er zusammen mit anderen im Jahr 1984 das Braunschweiger Museum für Photographie.

Die Wolfsburger Ausstellung zeigt neben Dicks Bildern einige Arbeiten von anderen Op Art-Künstlern. Das verdeutlicht einerseits die Qualität von Dicks Werken und beweist andererseits, dass das Prinzip der Op Art nie ausgestorben ist. Da ist beispielsweise ein Video der New Yorker Queer-Band Hercules & Love Affair, das auf Op Art-Hintergründe setzt. Oder die Suchanzeigen der Berliner Künstlerin Heike Bollig, die das Prinzip der optischen Täuschung von der Op Art übernimmt.

Bollig wurde im Jahr 1973 geboren, ihre Arbeiten entstanden ab 2007. Die Op Art dieser Ausstellung wirkt frisch. Auch wenn sie aus dem Speicher kommt.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de