Samy Deluxe im Interview: "Niemand kann mich abschieben"

Der Hamburger Rapper Samy Deluxe über Rassismus, Verantwortung für Jüngere und die Motive, eine Autobiografie zu veröffentlichen, die sich mit seinem Verhältnis zu Deutschland auseinandersetzt.

"Negativer Kram führt nur zu noch mehr negativem Kram." Bild: dpa

taz: Samy Deluxe, wann wurde Ihnen als Kind bewusst, dass sie Schwarzer sind?

Samy "Deluxe" Sorge, geboren 1977 als Sohn einer Hamburgerin und eines Sudanesen, gehört zu den erfolgreichsten deutschen Rappern. Im März hat er sein Soloalbum "Dis wo ich herkomm" veröffentlicht, das mit befreundeten DJs aus der Hamburger Hiphop-Szene produziert wurde. Auf Ideen zu den Songs fußt Samys soeben erschienene gleichnamige Autobiografie (Rowohlt Verlag, Reinbek b. Hamburg, 218 S., 8,95 €). Seit zwei Jahren engagiert sich der Rapper zusammen mit dem Basketballprofi Marvin Willoughby und mit Julia von Dohnanyi im Verein "Crossover". Sie wollen Schülern mit Musik und Sport Teamgeist, Eigeninitiative und Kommunikationsfähigkeit vermitteln und so eine bessere Integration von Schülern mit migrantischem Hintergrund erreichen. Samy Deluxe liest aus "Dis wo ich herkomm": 16. 6. München, Muffathalle, 17. 6. Erlangen, E-Werk-Garten (Lesetournee wird fortgesetzt).

Samy Deluxe: Ab der zweiten Klasse haben mich Mitschüler Neger oder Nigger genannt. Ich wurde aber auch ständig gehänselt, warum meine Haare so glatt seien, ob ich denn überhaupt ein echter Neger sei. Die Widersprüche haben bei mir selbst bohrende Fragen ausgelöst. Es gab in meinem Umfeld kaum Afrodeutsche, die ich hätte um Rat fragen können. Eine Klassenkameradin war nigerianischdeutsch. Die hatte es leichter, ihr Elternhaus war im Gegensatz zu meinem intakt.

War es schwierig, ohne Vater aufzuwachsen?

Als Kind war ich darüber nicht traurig. Schon damals gab es aber Alltagssituationen, in denen ich auf die Probe gestellt wurde. Je erwachsener ich wurde, desto mehr habe ich meinen Vater vermisst. Kontakte zu erwachsenen Schwarzen bekam ich erst mit elf, als ich meine sudanesischen Verwandten in England besucht habe.

In Ihrer Autobiografie beschreiben Sie, wie Sie während eines USA-Aufenthalts ins Grübeln über ihr Heimatland geraten sind. Eigentlich sei es zu Hause doch ganz cool, finden Sie.

Was ich in diesem Moment bemerkt habe, war, nach welchen Kriterien man überhaupt einen Ort bewertet, an dem man lebt. Es ist nicht so, dass ich das, was mir hier missfällt, unter den Teppich kehre. Ich habe mit meinem Buch keine Lobeshymne auf Deutschland verfasst. Aber mir ist aufgefallen, dass mein Land aus mehr besteht als aus der Nazivergangenheit. Die Leute, die meine Konzerte besuchen, gehören auch hierher. Die werden zu wenig gelobt, und es fehlt daher an gegenseitigem Respekt.

Das sagt jemand, der aus der Hiphop-Kultur kommt, wo Dissen, also Anpflaumen, die harte Währung ist?

Sie stecken mich in eine bestimmte Schublade, aber die Welt ist nicht schwarz-weiß. Klar habe ich als Rapper andere gedisst, wurde selbst gedisst. Aber ich habe längst begriffen: Negativer Kram führt nur zu noch mehr negativem Kram.

Schwäche zeigen ist für Rapper tödlich. Müssten Sie nicht rappen: "Fick deine Mutter!" Stattdessen bekennen Sie in Ihrem Buch, beim Psychiater gewesen zu sein.

Während der Produktion an meinem neuen Album habe ich regelmäßig Hiphop-Workshops an Hamburger Schulen unterrichtet und kapiert, wie wichtig es ist, Verantwortung für Jüngere zu übernehmen. Oft wurde ich von Schülern gefragt, warum ich nicht voller Hass sei, da doch mein Rap-Kollege Bushido mehr Geld verdienen würde. Dann habe ich geantwortet, dass Bushido nicht ohne Bodyguards aus dem Haus gehen kann, während ich hier in der Schule ohne Bodyguard unterrichte. Ich gebe in meinem Buch auch zu, dass ich Steuerschulden habe.

Sie schreiben auch offen über Ihren Drogenkonsum. Machen Sie sich damit nicht als Vorbild angreifbar?

Früher habe ich nie etwas von mir preisgegeben, trotzdem wurde ich ständig angefeindet. Jetzt erzähle ich etwas von mir und biete trotzdem wenig Angriffsfläche. Denn ich erzähle es selbst, das tun nicht andere über mich.

Wie hat sich Ihr eigener Rapstil entwickelt?

Über das Imitieren. Ich könnte aus dem Stand ein Dutzend Rapper nachahmen, von deren Flow über die Atemtechnik bis hin zur Tonlage. Als ich ein Interview mit dem französischen Rapper MC Solaar gelesen habe, ging mir ein Licht auf. Er meinte, wenn US-Rapper auf Englisch rappen, dann geht das auf Französisch auch. Da dachte ich, dann rappe ich eben auf Deutsch.

"Fremd im eigenen Land" von Advanced Chemistry war der erste Rapsong in deutscher Sprache, der bewiesen hat, dass Rap auf Deutsch funktioniert. Sie zitieren ihn auf Ihrem neuen Album.

"Fremd im eigenen Land" hab ich 1992 zum ersten Mal gehört, als ich auf einem Konzert war, auf dem meine Freunde, die Beginner, zusammen mit Advanced Chemistry aufgetreten sind. Ihr Song war total inspirierend für mich.

Fühlen Sie sich "Fremd im eigenen Land"?

Emotional ist mir Deutschland fremd, aber mein Ego und mein Geist wissen, dass ich aus der Geschichte hier nicht auszuradieren bin. Niemand kann mich abschieben, ich habe einen deutschen Pass!

Sie schreiben in Ihrem Buch, Ihr Sohn kenne den Ausdruck "Neger" gar nicht mehr. Hat sich in Sachen Rassismus etwas getan?

Ein paar Wochen später kannte er ihn dann doch. Seit meinem Statement, dass Deutschland gar nicht so schlimm sei, merke ich oft, dass viele Sachen hier falsch laufen. Pauschal sagen, Deutschland ist scheiße, das kann ich aber nicht. Ich bin für Kommunikation, für Integration, für Zusammenhalt.

Gab es das alles in der Hamburger Rapszene?

Wir fingen an als kleine Rap-Enklave mit unserem "Bassment"-Studio in Hamburg-Eimsbüttel, wo jeden Tag Leute vorbeikamen, um gemeinsam Musik zu machen. Darauf waren wir stolz und nicht darauf, dass wir härter als andere wären. Oberste Priorität war, sich gegenseitig zu feiern und die Dinge positiv zu sehen. Unsere Szene ist aus einer Mischung aus Lokalpatriotismus und hanseatischem Understatement entstanden. Wir haben nie gesagt, wir sind besser als die anderen Städte.

Wie wichtig war das Jugendzentrum "Trockendock" in Hamburg-Barmbek?

Sehr wichtig! Allgemein wird diese Art von Jugendkultur mit Hiphop und Breakdance inzwischen extrem vernachlässigt. Ich habe da gelernt, mit wenig etwas aufzubauen.

Was ist das Ziel Ihres Vereins "Crossover"?

Wir wollten eigentlich ein Haus der Jugend in Hamburg aufbauen, das von staatlichen Geldern getragen wird, aber auch durch Mitgliedsbeiträge und Patenschaften. Leute mit mehr Kohle stehen für Ärmere ein. Alle waren von unserem Konzept begeistert, aber niemand hat gesagt, okay, hier sind die Millionen. Also haben wir die Dinge selbst in die Hand genommen: Jetzt bringen wir jeweils zwei Schulklassen aus verschiedenen Gegenden mit verschiedenen sozialen Hintergründen zusammen. Der Basketballprofi Marvin Willoughby gibt die Basketball-Workshops, ich unterrichte Rap.

Was unterscheidet Samy Deluxe von Samy Sorge?

Ich weiß nicht, ob ich das künstlerisch so genau definieren will. Aber ich habe bemerkt, manche Statements, die ich als Rapper mache, lösen bei Leuten etwas aus, sodass sie mich als Mensch kritisieren. Letztendlich sehe ich "Dis wo ich herkomm" als Lernprozess. Durch die kontroversen Reaktionen auf meine Musik krieg ich neue Ideen. Ich denke, ich habe mit meinem Buch ein wichtiges Thema angestoßen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben