Theaterfestival in Avingnon: Frische Luft vermisst

Das Festival von Avignon wird beklagt: zu viel Theater, zu viel Subvention. Dabei war es mal als Gegenentwurf zu den verstaubten Pariser Nationaltheatern gegründet worden.

Ist es die schiere Menge? Das Festival dAvignon teilt sich ja in "In" (rund vierzig Veranstaltungen) und "Off" (neunhundertachtzig!). Das "Off" ist seit bald dreißig Jahren ebenso offizieller Teil des Festivals geworden wie das "In"; es gibt Studien, wonach drei von zehn Festivaliers ausschließlich das "Off" besuchen.

Aber in diesem Jahr macht gerade das "Off" wenig Lust hinzugehen. Ein unübersichtliches Theatergemenge, eine Vielzahl an Produktionen, die nur mit viel gutem Willen unter einen sehr erweiterten Theaterbegriff zu fassen sind, kaum geprobte Akrobatik, Ad-hoc-Chorgesang. Dazu kommen die Truppen, die schon vor drei, vier Jahren das identische Programm auf der Affiche hatten und Avignon lediglich nutzen, um mal wieder richtig die Kasse zu füllen. All das hat in diesem Jahr dermaßen überhandgenommen, dass die ernsthaften Theaterbemühungen darin untergehen.

Dabei war Avignon einmal die Begegnungsstätte der neuen Formen; gegründet 1947, um dem Theater einen Ort an der frischen Luft zu geben, als Gegenentwurf zu den verstaubten Pariser Nationaltheatern: ein "théâtre national populaire", ein Theater für das Volk, befasst mit dem Gesellschaftsvertrag. Das ist eine Weile her. Das Avignon-"In" heute: vornehme Blässe. Es gibt viel Solides im "In"-Festival, viel handwerklich schönes, unterhaltendes Theater, aber wenig wirklich Herausragendes und kaum etwas Herausforderndes.

Wajdi Mouawad, der diesjährige "Artiste associé", also der Kurator des Programms, zeigt im Ehrenhof des Papstpalastes von acht Uhr abends bis acht Uhr morgens seine drei Stücke "Littoral", "Incendies" und "Forêts". Das zweite, "Verbrennungen", wurde auch ins Deutsche übersetzt und viel gespielt. Es geht in ihnen um eine versehrte Gegenwart, die sich in den großen Mythen der Vergangenheit spiegelt, um Wurzelsuchen, Narben, verlorene Väter, die den Nachkommen bis ins siebente Glied ihren kriegsbiografischen Sündenstempel aufdrücken und von denen die Kinder sich befreien müssen.

Mouawads Dramen mäandrieren, sie verzweigen sich in vielerlei Strömungen, manchmal auch nur Rinnsale, die im Kopf des Zuschauers zusammenfließen. Sie sind getragen von einer schwungvollen, pointenreichen, zuweilen auch pathetischen Sprache, von einer orientalisch anmutenden, von Details funkelnden Erzähllust. Aber im Grunde wiederholt sich die Geschichte dreimal und zeigt im dritten Teil ihre Kehrseite: dass nämlich die Fabulierlust mit dem Autor durchging und den Inhalt erdrückte.

Denis Marleau bringt einen technisch brillanten, aber etwas unterkühlten Thomas Bernhard nach Avignon ("Une Fête pour Boris"), es gibt die internationalen Habitués, Krzysztof Warlikowski mit "(A)pollonia", Christoph Marthaler mit "Riesenbutzbach". Marthaler wird im nächsten Jahr zusammen mit dem ähnlich verschrobenen Autor Olivier Cadiot Artiste associé des Festivals. Es gibt den vielversprechenden Nachwuchs: den jungen Franzosen Christophe Honoré etwa, der aus der hochromantischen Liebestragödie "Angelo, tyran de Padoue" von Victor Hugo ein Maximum an echtem und falschem Gefühl, Tragik und Ironie heraushört: Bei Victor Hugo sind die Dialoge sehr klassisch, die Gedanken sehr modern. Das war schön.

Aber auch das blieb merkwürdig besänftigt, weit entfernt von den ästhetischen Herausforderungen, welche die Artistes associés anderer Jahre ihrem Publikum zugemutet haben. Etwa Jan Fabre: Dessen scharf gedachte und in fellinesk böse Bilder gesetzte konsumkritische "Orgie de la tolérance" blieb ein Fremdkörper im Programm.

Ist es die Krise? Derentwegen ganz allgemein keine Aufbruchstimmung herrscht? Avignon ist der Ort, wo sehr grundsätzlich über Theater debattiert wird. Es wird viel über Kulturpolitik geredet in diesem Jahr, was wohl auch damit zusammenhängt, dass mit Frédéric Mitterrand, dem Neffen von François Mitterrand, soeben ein neuer Kulturminister angetreten ist, dem man mehr Nähe zum künstlerischen Milieu zutraut.

Es wird aber auch über den Zwiespalt geredet zwischen Erstarrung im subventionierten Betrieb und die beliebig anmutende Anpassung an einen vermuteten Publikumsgeschmack. Dass das Publikum immer unterschätzt wird, es wird ja nie überschätzt. Man redet wieder darüber: dass das subventionierte Theater angetreten war, um den Zugang zur Kunst weniger elitär zu halten, und dass dies nicht gelungen ist - ein Arbeiter geht nach neun Stunden Schicht nicht ins Theater. Das Theater ist für die gesellschaftlichen Strukturen, die diese Differenz hervorbringen, nicht verantwortlich; und doch muss es sich gegen dieses Argument immer wehren, wenn es wieder ums Sparen geht. Das gilt nicht nur für Frankreich.

In diesem Zusammenhang ist es allerdings über Frankreich hinausweisend, wenn sich das Theater in Erinnerung ruft als ein Ort, der eben nicht nur der Unterhaltung dient, sondern auch der Verhandlung gesellschaftlich relevanter Themen. "Das Publikum abzuholen" ist in Ordnung, aber dann muss man auch den Weg wieder zurückfinden, zurück zu den genuinen Aufgaben des Theaters. Und dafür ist Avignon immer so etwas wie ein Symbol gewesen.

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