Schulbeginn: Gymnasiums-Flüchtlinge schaffen Luft

Niedersachsens Schulen droht aus Sicht der Gewerkschaft GEW ein Desaster: An Gymnasien fehlten nur deswegen keine Lehrer, weil die Schüler in Scharen vor dem Turboabitur flüchteten.

Hat keine Lösung parat, meint die GEW: Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU). Bild: dpa

Am Donnerstag beginnt in Niedersachen das neue Schuljahr. Doch für Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) gab es schon gestern ein miserables Zeugnis: Nach Deutung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) heißt das Resümee durchweg "Note 6" für einen "chaotischen Beginn des Schuljahres". Eberhard Brandt, der GEW-Landesvorsitzende, prophezeite allen Beteiligten "Ärger ohne Ende". Schuld sei das "Maßnahmenbündel", mit dem die Ministerin versucht, ihre überall im Lande von wütenden Protesten begleitete Schulpolitik in ruhigere Bahnen zu lenken.

Ehe er seine Mängelliste auf die Schiene setze, haute sich Brandt erst einmal selber anerkennend auf die Schulter. Die 2.400 von der Landesregierung neu eingestellten LehrerInnen hätte es "ohne die massiven Forderungen der Gewerkschaft und die Aktivitäten mit Eltern und Schülern" nicht gegeben.

Real könne man aber nur von 500 zusätzlichen Lehrerstellen sprechen, mit dem Rest würden schlicht Pensionäre ersetzt. Nötig wären insgesamt 4.500 "Vollzeitlehrereinheiten", um die Personalversorgung sicherzustellen, sagte Brandt. "Die Ministerin hat das Problem nicht begriffen." An Grund- und Förderschulen, Haupt- und Realschulen seien Unterrichtsausfall sowie die Überlastung der Lehrkräfte programmiert, weil alle Reserven, zum Beispiel die beiden Poolstunden, die für Arbeitsgemeinschaften vorgesehen sind, längst für den normalen Unterricht gebraucht würden. An den Gymnasien dagegen hätte man Lehrkräften, die in Teilzeit gehen wollten, nur geringere Reduzierungen bewilligt als gewünscht. Auf solche "Tricks" lasse sich das ministerielle Maßnahmenbündel reduzieren.

Zum Desaster wächst sich aus Sicht der GEW das so genannte Turboabitur aus, also der Abschluss nach nur acht Sekundar-Jahren, den Niedersachsen trotz massiver Proteste weitaus orthodoxer handhabe als Nordrhein-Westfalen oder das stockkonservative Hessen. Diese Praxis habe nach Abschluss der zehnten Klasse eine bisher nicht gekannte Wanderbewegung zur Folge, erläuterte der Statistiker der GEW, Henner Sauerland. Er sprach von 3.000 Schülern, die zurzeit die Gymnasien verlassen, um in den elften Klassen der Fachgymnasien und Gesamtschulen weiterzulernen. Dort wird das Abitur noch nach 13 Schuljahren vergeben. Bekannt seien der GEW auch Fälle aus dem Grenzland zu NRW, wie in Melle, wo ganze Klassen das Bundesland gewechselt hätten.

Diese Migration führe an den Gymnasien zu einem geringeren Lehrerbedarf und hieve die statistische Unterrichtsversorgung auf 99,5 Prozent. "Aber das wird die Kultusministerin wohl kaum als Erfolg ihrer Politik verkaufen wollen", meinte Sauerland. Dazu eigne sich ebenso wenig der merkwürdige Umstand, dass fast die Hälfte der an den Gymnasien neu Eingestellten den Dienst erst zum 1. November antreten könnte, da sie am Schuljahresbeginn mit der 2. Staatsprüfung noch nicht durch seien. Sie werden zwar als Neueinstellungen eingearbeitet, aber damit sei nur der Statistik geholfen. Alle Stundenpläne seien bis jetzt auf Kante genäht worden. "Dass die Personalien nicht in den Ferien, sondern erst am Schulanfang geregelt werden müssen, so etwas gab es noch nie."

Das alles sei schon schlimm genug, aber die Stiefkinder der Landesregierung blieben weiterhin die Gesamtschulen, ergänzte Brandt. Sie würden, was die Sollstellen und Zielwerte betrifft, "gegenüber Gymnasien diskriminiert". Man könne auch "unideologisch Politik machen", empfahl er der Ministerin, und forderte: mehr Geld für Refendare und Realschullehrer, mehr Personal in der Pädagogenausbildung, damit die Studienabrecherquote sinkt - und natürlich kleinere Klassen. Heister-Neumann antwortet am Mittwoch.

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