Vor Gericht fürs Hosentragen: Die mutigste Frau des Sudan

Das Gerichtsverfahren gegen die ehemalige Journalistin Lubna Hussein wegen Hosentragens wirft ein Schlaglicht auf die Doppelmoral der islamischen Moralwächter.

Hussein meint es ernst - zu ihrer eigenen Bestrafung hat sie sogar Gäste eingeladen. Bild: reuters

NAIROBI taz Die ehemalige Journalistin Lubna Hussein kämpft nicht nur für das Recht, im Sudan Hosen zu tragen, sondern auch für eine bessere Behandlung von Frauen in Sudans Gesellschaft. Die 30-jährige Witwe und Mitarbeiterin der UN-Pressestelle in Sudans Hauptstadt Khartum stand am Dienstag vor Gericht, um einen kontroversen Paragrafen des sudanesischen Sicherheitsgesetzes zu Fall zu bringen, der für unschickliches Verhalten, das "die öffentliche Moral verletzt", Peitschenhiebe vorsieht.

Aufgrund dieses Paragrafen war Lubna Hussein vor rund einem Monat zusammen mit zwölf anderen Frauen verhaftet worden - während eines Konzerts in einem populären Restaurant von Khartum. Die Frauen trugen alle Hosen, die Polizei verhaftete sie alle wegen "unanständiger" Kleidung. Nach Meinung der Polizisten sind Hosen für Frauen im islamischen Schariarecht, das im Norden Sudans gilt, nicht erlaubt. Zehn Frauen erklärten sich schuldig auf dem Polizeibüro und bekamen an Ort und Stelle zehn Peitschenhiebe und eine Geldstrafe von umgerechnet 70 Euro. Aber drei unter Anführung von Lubna Hussein widersetzten sich und bestanden auf einem Gerichtsverfahren.

Lubna gab dafür zeitweilig ihren Job als Mitarbeiterin der Pressestelle der UN-Mission im Sudan (Unmis) auf. UNO-Mitarbeiter genießen nämlich Immunität und können nicht vor Gericht gestellt werden. Das Verfahren wurde auf den 7. September vertagt, um zu klären, ob ihre Immunität dennoch für den Zeitpunkt des Deliktes gilt. Lubna erschien vor Gericht in derselben Hose, die sie bei ihrer Verhaftung getragen hatte. Dutzende Frauen demonstrierten vor dem Gerichtsgebäude.

"Der Islam verbietet Frauen nicht, Hosen zu tragen", sagt Lubna. "Es geht hier nicht um Religion, sondern darum, wie Frauen behandelt werden in der sudanesischen Gesellschaft." Sie will das Verfahren bis zu seinem Ende ausfechten, notfalls bis vor Sudans Verfassungsgericht.

Lubna Hussein benutzte ihre Kontakte als Journalistin und UN-Sprecherin, um die Sache weltweit bekanntzumachen. Per E-Mail lud sie Hunderte von Kontakten auf der ganzen Welt nach Khartum ein, um anwesend zu sein, wenn ihre mögliche Strafe von vierzig Peitschenhieben ausgeführt wird. Innerhalb weniger Tage wurde sie eine internationale Berühmtheit. Und für viele sudanesische Frauen, auch Musliminnen, wurde sie eine Heldin.

Schon seit langem provozieren vor allem junge Frauen im Sudan mit ihrer Kleidung die Behörden. Sie tragen zwar lange Röcke und langärmlige Blusen, aber die sind hautnah und lassen der Fantasie wenig Raum. Frauen aus dem schwarzafrikanischen Südsudan, wo vor allem Christen und Anhänger von traditionellen Religionen leben, brauchen sich in Khartum und dem gesamten Norden sowieso nicht an die islamistischen Kleidervorschriften zu halten. Sie können Hosen tragen, Röcke bis zum Knie und kurze Ärmel, und sie brauchen keine Schleier. Auch viele muslimische Frauen hängen ihre Tücher nur locker über den Kopf, sodass jedes bisschen Wind schwarze Locken zeigt.

Die Behörden schauten meistens weg. Zwar ist Sudan seit dem Militärputsch des heutigen Präsidenten Omar Hassan al-Bashir mit islamistischer Unterstützung 1989 von einer strengen Auslegung des Schariarechts geprägt, aber die Regierung Bashir will nicht noch weiter zum internationalen Pariah werden als sie es sowieso schon zum Beispiel wegen des Krieges in Darfur oder der vergangenen Unterstützung internationaler Terroristen ist. Doch seit der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag vor fünf Monaten wegen Kriegsverbrechen in Darfur Haftbefehl gegen Präsident Bashir ausstellte, versucht die Regierung nicht mehr, nett zu sein.

Lubna Hussein hat sich während ihrer journalistischen Karriere schon oft Feinde gemacht. Sie kritisierte die Regierung wegen des Mangels an politischen und sozialen Freiheiten und übte Kritik am Krieg in Darfur. Schon als Studentin wurde sie verhaftet wegen ihrer kritischen Meinung.

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