Kommentar über Folgen des Kaukasuskriegs: Gescheiterte Autosuggestion

Hinter dem rückwärtsgewandten Auftrumpfen Russlands verbergen sich Schwäche und Orientierungslosigkeit. Im Nachhinein erweist sich der kleine Ausritt als Sieg mit Langzeitfolgen.

Nach dem Kaukasuskrieg vor einem Jahr feierte Russland noch überschwänglich die Rückkehr ins Konzert der Großmächte. Moskau wollte der Welt zeigen, dass es wieder an vorderster Stelle mitmischt und auch Ansprüche nach eigenem Ermessen durchzusetzen versteht. Dem Kreml war nicht so sehr am Terraingewinn als am Aufpolstern des nationalen Selbstwertgefühls gelegen. Die Psychologie als treibende Kriegskraft spielte im Kaukasusfeldzug eine ähnliche Rolle wie in der Politik der europäischen Mächte des 19.Jahrhunderts. Doch der Siegestaumel ist längst der Ernüchterung gewichen.

Am Vorabend des Jahrestags wandte sich der russische Generalstabschef Nogowizyn mit einer vermeintlichen Sensation an die Öffentlichkeit: Die Armee hätte Dokumente erbeutet, die belegen würden, dass Georgiens Präsident Michail Saakaschwili den Überfall auf Südossetien von langer Hand geplant hätte. Geheimpapiere - erbeutet in Südossetien - sind grundsätzlich erst mal zweifelhaft. Aber darum geht es gar nicht.

Zu klären ist: Warum muss sich der Sieger überhaupt noch rechtfertigen? Zumal die russische Bevölkerung keine Fragen stellt und sich gerne an den Triumph erinnert. Die Antwort könnte lauten: Der kleine Ausritt erweist sich im Nachhinein als Sieg mit schwerwiegenden Langzeitfolgen. Die Elite spürt dies, gesteht das Versagen jedoch nicht ein. Um den Sieg zu retten, bläst sie den Popanz Georgien auf. Daher ist jeder über Tiflis ausgesprochene Fluch auch ein Moment der Autosuggestion.

ist taz-Korrespondent in Russland und den ehemaligen GUS-Staaten. Er lebt und arbeitet in Moskau.

Im August 2008 entpuppte sich Russland endgültig als revisionistische Kraft, die sich überholten Konzepten von Macht und Dominanz verschrieben hat. Der Versuch, die Nachbarschaft zu neutralisieren, um sie leichter für die eigenen Interessen zu manipulieren, schlug fehl. Nicht zuletzt durchkreuzte die EU mit dem Programm der "Östlichen Partnerschaft" das Ansinnen.

Die Ukraine, Georgien und Weißrussland wandten sich von Moskau ab. Diktator Lukaschenko weigerte sich gar, die turnusmäßige Leitung der Organisation für kollektive Sicherheit zu übernehmen, die Russland gerne zum Anti-Nato-Bündnis ausbauen würde. Auch gab keiner der Verbündeten dem Druck nach, Abchasien und Südossetien als unabhängige Staaten anzuerkennen. Entscheidend dabei dürfte das Misstrauen gewesen sein, das Moskau geweckt hatte, als es den Bewohnern der abtrünnigen Gebiete russische Pässe ausgehändigt und die Annexion als eine humanitäre Rettungsmaßnahme verkauft hatte.

Russische Minderheiten im "nahen Ausland" dürften dieses Misstrauen bald zu spüren bekommen. Die Kriegsfolgen wirken sich auch auf den instabilen Nordkaukasus aus. Tschetscheniens Provinzfürst Ramsan Kadyrow träumt heute schon von einem abchasischen Status. Selbst das treue Armenien, das unter der Blockade Georgiens stark zu leiden hatte, sucht Kontakt zu den Erzfeinden Türkei und Aserbaidschan. Zu guter Letzt wenden sich auch die zentralasiatischen Autokraten ab.

Für diese war Moskau nach den farbigen Revolutionen in der Ukraine und Georgien noch Garant des Status quo. Jetzt wird die Kremlpolitik des Rollback zur Bedrohung. Der Wandel lässt sich an der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) ablesen, der neben China und Russland auch die Zentralasiaten angehören. China ermutigte sie, sich der russischen Forderung nach Anerkennung der Separatisten zu widersetzen. Bislang hatte China die russische Führungsrolle aus Rücksicht auf Moskauer Empfindlichkeiten akzeptiert. Das Blatt wendet sich.

Die rückwärtsgewandte Politik des Auftrumpfens sollte nicht als Stärke Russlands verstanden werden. Schwäche und Orientierungsverlust verbergen sich dahinter. Mit dem Kaukasuskrieg wurde die multipolare Weltordnung sichtbar. Russland gehörte zu ihren leidenschaftlichsten Protagonisten.

Doch nun spürt es, dass sein der Vergangenheit entlehntes machtpolitisches Instrumentarium dieser Ordnung nicht mehr angemessen ist. Das neue globale System benötigt wachsende politische und wirtschaftliche Vernetzung und Kompromissbereitschaft. Weder der politischen Elite noch der Gesellschaft Russlands behagt diese Aussicht. Der Georgienfeldzug hat also nicht dazu beigetragen, dass sich das Land weniger verunsichert und bedroht fühlt. Im Gegenteil!

Einmal zahlen
.

Jahrgang 1956, Osteuroparedakteur taz, Korrespondent Moskau und GUS 1990, Studium FU Berlin und Essex/GB Politik, Philosophie, Politische Psychologie.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben