Geständnisse im Sauerland-Prozess: Anschlagspläne erst im Terror-Camp

Der mutmaßliche Rädelsführer der islamischen Sauerlandgruppe hat ein Geständnis abgelegt. Er habe sich erst im Terrorcamp entschlossen, Anschläge in Deutschland zu verüben.

Brach als erster das Schweigen: Fritz G. (Mitte, zwischen seinen Anwälten). Bild: dpa

DÜSSELDORF taz | Fritz Martin G. wirkt ruhig, geradezu gelassen. Er trägt ein blaues Hemd, hochgekrempelte Jeans und dunkle Turnschuhe. "Ich habe die Treue auf den Dschihad geschworen", sagt der 29-Jährige mit unbewegter Stimme. Zunächst habe er mit seinen Freunden in den Irak gehen wollen, dann nach Tschetschenien. "Es war uns eigentlich egal wohin, wir wollten einfach in den Dschihad." Dann habe ihnen ein Vertreter der Islamischen Dschihad-Union (IJU) vorgeschlagen, einen Anschlag in der Bundesrepublik zu verüben. Von dieser Idee sei er dann "ziemlich schnell" überzeugt gewesen. Zwischen dem äußerlich so unscheinbaren G., wie er am Montag im Düsseldorfer Gerichtssaal auftritt, und seiner Geschichte tut sich ein schwer zu fassender Widerspruch auf.

Mit den Aussagen von Fritz G. wurde am Montag der Prozess gegen die sogenannte Sauerland-Gruppe vor der Staatsschutzkammer des Düsseldorfer Oberlandesgerichtes fortgesetzt. Fritz G., Adem Y., und Daniel Sch. waren Anfang September 2007 in einer Ferienwohnung im sauerländischen Medebach-Oberschledorn von der Anti-Terror-Spezialeinheit GSG 9 verhaftet worden. Attila S. wurde im November 2007 in der Türkei festgenommen. Mitte April dieses Jahres begann der Prozess gegen die vier mutmaßlichen Terroristen vor der Staatsschutzkammer des Düsseldorfer Oberlandesgerichts. Laut Anklage sollen die Männer in der Bundesrepublik eine Terrorzelle der IJU gebildet haben. Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen vor, mehrere Autobombenanschläge auf US-Bürger und Einrichtungen der USA in Deutschland vorbereitet zu haben. Offenbar um die kurz darauf anstehende Entscheidung des Bundestages über die Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes zu beeinflussen, hätten sie zeitgleich in Kneipen, Diskotheken und auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein möglichst viele US-Bürger töten wollen.

Im Juni hatten die vier Angeklagten überraschend angekündigt, ihr monatelanges Schweigen brechen und umfassend aussagen zu wollen. Seitdem waren sie von Beamten des BKA verhört worden. Ihre Vernehmungsprotokolle umfassen mittlerweile mehr als 1.200 Seiten, teilte der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling zu Beginn der gestrigen Verhandlung mit. Er sei sehr beeindruckt vom Umfang und der Offenheit ihrer Einlassungen. Offenkundig hätten alle vier Beschuldigten "die Karten ungezinkt auf den Tisch gelegt". So stünde nunmehr zweifelsfrei fest, dass es die Islamische Dschihad Union (IJU) tatsächlich gebe.

Die Islamische Dschihad-Union (IJU) ist eine bedeutende Anlaufstelle für muslimische Extremisten aus Deutschland. Die Organisation mit engen Beziehungen zum Terrornetzwerk al-Qaida stammt ursprünglich aus Usbekistan und operiert heute aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet heraus. Unter anderen sollen die mutmaßliche Terrorzelle im Sauerland und der als Terrorverdächtiger gesuchte deutsche Konvertit Eric Breininger Verbindungen zur IJU haben. Die Islamische Dschihad-Union ist eine Splittergruppe der extremistischen Islamischen Bewegung von Usbekistan (IBU), die den Sturz des dortigen Präsidenten verfolgt. Erst im Frühjahr 2004 wurde die IJU durch eine Reihe von Selbstmordattentaten in Usbekistan bekannt, bei denen Dutzende Menschen ums Leben kamen. Nach Angaben des US-Außenministeriums bestehen enge Verbindungen zwischen der Gruppe und Al-Qaida-Gründer Ussama Bin Laden sowie Taliban-Führer Mullah Omar. Die USA setzten die IJU 2005 auf ihre Liste der Terrororganisationen. Mehrere Islamisten aus Deutschland sollen in den Lagern der Organisation im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet ausgebildet worden sein. Anfang März 2008 soll der türkischstämmige Islamist Cüneyt C. aus Bayern im Auftrag der Dschihad-Union einen Selbstmordanschlag in Afghanistan verübt haben. Auch die drei Männer, die im September 2007 im Sauerland festgenommen wurden, waren laut Generalbundesanwaltschaft IJU-Mitglieder. afp

Mit seiner mehrstündigen Aussage am Montag bestätigte Fritz G. die Einschätzung des Richters. Ausführlich und mit vielen Details schilderte der junge Mann in der Verhandlung, wie ihn im Jahr 2006 sein Weg über Damaskus, Istanbul und Teheran zur Terrorausbildung bei der Islamischen Dschihad-Union (IJU) in die pakistanische Grenzregion Wasiristan führte. Dort erhielt er Waffen- und Sicherheitsunterricht, lernte das Bombenbauen und die Herstellung von Giften. Mehrere Märsche gingen auch über die Grenze nach Afghanistan in die Nähe einer Basis der US-Armee. "Teile unserer Gruppe haben auch mal die US-Basis beschossen."

Rund drei Monate habe die Ausbildung gedauert, die er zusammen mit dem Mitangeklagten Adem Y. absolvierte. Kurz vor dem Ende traf er in Wasiristan auch seinen alten Freund Attila S. wieder, begleitet von Daniel Sch. Das Terrorquartett war komplett. Die Idee, einen Anschlag in der Bundesrepublik zu verüben, habe von der Dschihad-Union gestammt. "Wir haben uns selbst eigentlich nicht für geeignet gehalten", so Fritz G., der nach eigenen Angaben von der IJU zum Anführer der Operation bestimmt wurde. "Aber wir haben uns trotzdem dazu bereit erklärt." Überzeugt habe ihn insbesondere das Argument, dass sich dort "mit viel weniger Aufwand ein viel größerer Schaden anrichten" lasse als mit einem Anschlag in Afghanistan. Die Anschlagziele habe die IJU definiert: "Das Hauptziel sollten amerikanische Soldaten in Deutschland sein."

Aufgewachsen ist der gebürtige Münchner in Ulm. Er stammt aus einem gutbürgerlichen Elternhaus. Sein Vater verkauft Solaranlagen, seine Mutter ist Ärztin. Inspiriert von einem türkischen Schulfreund, konvertiert Fritz G. mit 15 Jahren zum Islam. Bereits als Jugendlicher bewegt sich Fritz G. im Umfeld des sogenannten Multikulturhauses in Neu-Ulm, einem Zentrum der islamistischen Szene. Die Schule bricht er ab.

Zum ersten Mal mit dem Gesetz in Konflikt gerät Fritz G. 2001, nachdem er auf dem Ulmer Marktplatz einen 55 Jahre alten Mann bewusstlos geschlagen hatte. Ins Visier der Sicherheitsbehörden gerät er erstmalig 2004, weil er ebenso wie der in Düsseldorf Mitangeklagte Attila S. zum Kreis um den schillernden islamistischen Prediger Yehia Yousif zählt, graue Eminenz des Multikulturhauses und langjähriger Informant des Verfassungsschutzes. Fritz G., der inzwischen auf einer Abendschule die mittlere Reife und das Abitur nachgeholt hat und Wirtschaftsingenieurwesen an der Fachhochschule Ulm studiert, geht auf die Hadsch nach Mekka. Mit seinem Pilgertrip nach Saudi-Arabien, an dem auch Attila S. teilnahm und bei dem er Adem Y. das erste Mal traf, habe alles begonnen, sagte Fritz G. gestern. "Dass wir in den Dschihad gehen wollen, war ziemlich schnell klar." Es sei wohl Allahs Wille gewesen, dass die von ihm und seinen Freunden geplanten Anschläge nicht geklappt haben, sagt Fritz G. zum Abschluss seiner Befragung am späten Nachmittag. Was er getan habe, bereue und verurteile er jedoch nicht. "Ich habe nicht vor, mich hier zu rechtfertigen." Ob er sich denn immer noch als Mudschahed bezeichnen würde, will Richter Breidling von ihm wissen. "Nein, ich würde mich als Gefängnisinsasse bezeichnen", antwortet Fritz G.

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