Politik 2.0: Yeah! Merkel kommt

Wenn die Kanzlerin eine Rede hält und junge Menschen jubeln, stimmt etwas nicht. Grund ist ein Flashmob, ausgelöst durch eine Plakatkritzelei: "Und alle so: Yeaahh".

Nach dem Plakat kommt der Song, kommt das T-Shirt, kommt der Flashmob... Bild: screenshot/spreadshirt.net

Die Parteien haben es versucht und versucht - und auf der Zielgeraden gibt es dann endlich die erste funktionierende Viralaktion im Wahlkampf 2009. Und die kommt nicht aus den gut bezahlten Strategenbüros der Parteien, sondern direkt vom undurchsichtigen Mutterboden der deutschen Blogosphäre. Auf der Zielgeraden des Wahlkampfs geben die Netzuser den etablierten Parteien eine kleine Lehrstunde in Viralverbreitung im Netz, oder, wie sie es nennen würden: Memes.

Anfang der Geschichte: In Hamburg hing ein Wahlplakat. Die Wahlkampfrede auf dem Gänsemarkt wurde mit dem Satz "Merkel kommt" angekündigt. Mit einem Edding kritzelte jemand: "Und alle so: Yeah!" dahinter. Das fanden Blogger lustig genug, um ein Foto davon in Blogs und per Twitter zu verbreiten. Aber eben auch noch nicht lustig genug.

In den kommenden Tagen wurden unzählige neue Varianten des Plakates remixt. In den Webshops von T-Shirt-Herstellern konnte man Hemden mit der Sprechblase "Und alle so: "Yeah!" kaufen, und schon wenige Tage später liefen Berliner Hippster auch tatsächlich mit diesen Shirts durchs Stadtbild. Es tauchten Songs auf, in denen banalste Merkel-Aussagen mit allerlei "Yeah"-Rufen unterlegt wurden.

Und vier Tage nachdem das Bild sich im Netz verbreitete, versammelten sich bei der Merkel-Rede in Hamburg etwa 200 Menschen zu einem Flashmob, der jede zweite Aussage der Kanzlerin mit einem beherzten "Yeah" kommentierte. Seitdem tauchen bei zahlreichen Merkel-Reden "Yeah"-Rufer auf, zuletzt in Mainz und Wuppertal. Und kommentieren Kanzlerin-Phrasen wie "Wachstum schaffen, weil Wachstum Arbeit schafft" mit dem Skandieren "Wachstum, Wachstum" - und einer La-Ola-Welle. Auch bei Merkels Wahlkampfabschlussrede in Berlin werden "die jungen Leute", wie die Kanzlerin sie nennt, wieder dabei sein.

Finden Sie nicht lustig? Die CDU auch nicht. Und auch Medien von "Tagesthemen" bis Spiegel Online zeigen sich verstört von der Aktion. Unpolitisch, inhaltsleer, was wollen diese Leute eigentlich? Es ist der ironische Kommentar von Netzusern zum öden Wahlkampf, den Tanja Haeusler vom Spreeblick-Blog vielleicht etwas pathetisch als "Befreiungsschlag" gegen einen "zähen Wahlkampf" bezeichnet hat. Und darauf hinwies, dass es auch jede andere Partei hätte treffen können.

Doch wer immer Lehren aus dem laufenden Onlinewahlkampf ziehen will, sollte sich einen Moment lang darauf einlassen, was bei diesem viralen "Yeah"-Phänomen eigentlich passiert ist. Und kann sich dann schenken, die dicken Analysen zu lesen, die Universitäten und Agenturen in den kommenden Monaten dazu veröffentlichen werden. Virale Netzphänomene kann man nicht am Agenturtisch planen. Eine Erkenntnis, die sich die Parteien 2009 teuer erkauft haben.

Im Netz verbreitet sich besonders gut, was Spaß macht. Vor allem aber müssen alle mitmachen dürfen. Das Prinzip ist einfach: Kein Witz ist perfekt – erst wenn viele daran mit herumspinnen, ihn immer weiterentwickeln, hat er im Netz Bestand. Am virtuellen Küchentisch fällt immer noch jemandem ein noch lustigerer, noch albernerer Weiterdreh ein. Wenn der gut ist, verbreitet er sich von Blog zu Tweet zu Blog, wenn nicht, wird er sofort wieder vergessen.

Wer also virale Phänomene erzeugen will, etwa im Wahlkampf, muss das konzeptionelle Zepter aus der Hand lassen und "das Web 2.0" mit all seinen kruden Ideen und teils unverschämten Modifikationen einfach mal machen lassen. Aber eben das widerspricht der Funktionslogik der Parteien.

"Yeah" zu brüllen ist sicher albern. Aber macht Spaß. Ist auf keinen Fall nachhaltig: Ab nächstem Samstag wird Schluss damit sein. Die Aktion vermittelt keine konstruktive Botschaft. Aber transportiert den Unmut junger Menschen über die Union, die Parteien. Vor allem aber auch ihren Willen, eine öffentliche Stimme zu haben.

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