Tierdokumentation "Tortuga": Im Schutz der Seetangwälder

Nick Stringers "Tortuga - Die unglaubliche Reise der Meeresschildkröte" wäre eine wunderbare Tierdokumentation, käme sie nur ohne Musik und die Stimme Hannelore Elsners aus.

Von der Geschichte von "Tortuga"berührt: Sprecherin Hannelore Elsner mit Regisseur Nick Stringer. Bild: dpa

Die ersten Bilder von "Tortuga - die unglaubliche Reise der Meeresschildkröte" zeigen nur Sand, Meer und leichten Wind. Die Protagonistin befindet sich noch unsichtbar irgendwo im Sand. Tortuga, so heißt die wohl gerade in der Erde geschlüpfte Unechte Karettschildkröte, braucht noch etwas Zeit, um sich an die Oberfläche zu graben. Der Sand hebt sich an einigen Stellen leicht und kippt dann gleich wieder runter. Um die bewegten Stellen im Sand herum lauern Krabben, die mit ihren Greifzangen immer leicht fies wirken, und träge trabende Pelikane.

Man weiß es ja schon: Krabben und Pelikane warten auf die zu hunderten schlüpfenden Schildkröten und werden die Population auf dem Weg vom Strand zum Wasser bereits auf den ersten Lebensmetern erheblich dezimieren. Nur etwa die Hälfte aller geschlüpften Meeresschildkröten überlebt die ersten Lebenstage, der Rest wird gefressen.

Das wurde schon oft filmisch erzählt, und dennoch gelingt es dem Regisseur Nick Stringer, diese erste Passage so ins Bild zu setzen, dass man sich auf den Fortgang freut. Das hat damit zu tun, dass Stringer die Dramatik dieser Situation nicht in den Schnitt überträgt. Er lässt den Dingen, die hier geschehen, ihre Zeit. Ein Wunder ist das allerdings nicht, denn Stringer hat für die zu Recht berühmte Dokumentarabteilung der BBC gearbeitet und dort gelernt, wie man der Natur im Rahmen der Filmzeit die Bewegungsfreiheit lässt.

Ungetrübt bleibt die Freude über die Bildfolgen aber von Anfang an nicht. Denn mit dem ersten Bild kommt auch Musik ins Spiel, und die legt sich so ununterbrochen über Sand, Schildkröte und Meer, dass man früh weiß: Die hört bis zum Ende nicht mehr auf. Dazu kommt dann noch in der deutschen Fassung die Stimme von Hannelore Elsner. Elsner hatte, wie sie im Programmheft sagt, bis zu ihrer Sprechrolle von Schildkröten keine Ahnung. Bei der Arbeit am Film hat sie die Geschichte aber nun "sehr berührt". Das merkt man der Stimme vom ersten Zungenschlag an an. Und das führt zu einer den Bildern entgegensetzten Dramaturgie.

Es ist ja klar, dass Tortuga ihren 25-jährigen Lebenszyklus vom Schlupf am Strand von Florida mit ihrer anschließenden Reise durch die Weltmeere und ihrer Rückkehr zum Schlupfort, um dort selbst, erwachsen geworden, ihre Eier abzulegen, überlebt. Sonst hätte der Titel ja keinen Sinn. Dass man aber während der 80-minütigen Dokumentation jede Sekunde mit dem Absaufen des Tieres rechnet, liegt allein an der "berührten" Stimme von Hannelore Elsner. Aber es ist nicht nur die Stimme, auch der Inhalt des Gesagten lässt einen verzweifeln.

Irgendwann tobt ein Sturm auf dem Atlantik. Sehr gefährlich, aber wunderschön, weil die Musik schweigt. Tatsächlich lässt der Film für ein paar Sekunden das Meer den Ton machen, bis Hannelore Elsner, aus dem vorletzten Loch piepsend, wirklich erzählt, dass so ein Sturm auch für Meeresschildkröten sehr gefährlich sei. Wären wir jetzt vor der riesigen Leinwand mit den tobenden Wellen vor zerfetzt-dunkel rasenden Wolken gar nicht drauf gekommen, hätte ja auch ein animierter Sturm im Wasserglas sein können.

Schlimm ist das, weil der Film tatsächlich wunderbare Sachen zeigt und in Bildern erzählt, die neu sind. In großartigen Unterwasseraufnahmen wird die Reise der noch kleinen Schildkröte im Schutz von riesigen Seetangwäldern, die mit den Meereströmungen treiben, verfolgt. Darin leben die Schildkröten geschützt mit anderen Tieren wie Fischen und Krebsen. Ohne selbst schwimmen zu müssen, werden die Schildkröten vom Golfstrom von Nahrungsgrund zu Nahrungsgrund getragen.

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