Selbstzerstörungs-Künstler Metzger: Brachiale Gesellschaftskritik

Hitler-Fotos zwischen Stahlplatten und kleine Jungen die Autos töten: Die Londoner Serpentine Gallery zeigt Arbeiten von von Gustav Metzger.

Gustav Metzgers Kunst löst eine Bewusstseinsänderung aus, wie die psychedelische Installation "Liquid Crystal Environment". Bild: Jon Thomson - Lizenz: CC-BY

LONDON taz | Still und unspektakulär steht eine Stahlplatte jetzt dort, wo zuletzt noch die perfekt ausgearbeiteten Skulpturen von Jeff Koons Popstars und Supersammler in die Serpentine Gallery nach London pilgern ließen. Schweißnarben verschließen die Platte mit einer weiteren dahinter. Dazwischen, für niemanden mehr sichtbar, verbirgt sich eine große Fotografie vom Führer, der an der treu grüßenden Hitlerjugend vorbeirauscht. Weiche Jungengesichter, verzerrt zu fanatisch grinsenden Fratzen. "Historic Photographs: Hitler-Youth, Eingeschweißt" (1997/2009) sei die intensivste Arbeit, die er je gemacht habe, sagte Gustav Metzger kürzlich.

Der Besucher schaut auf dieses Stück Stahl und damit im Grunde auf die Versinnbildlichung jenes Reflexes des gelähmten Nachkriegsdeutschlands im Umgang mit der eigenen, schweren Geschichte: ausblenden, verdecken, vergessen. Eine fotografische Dokumentation dieses physischen Prozesses des Verschweißens, des Einschließens jener dunklen Erinnerung wurde damals angelegt und ist im Katalog zur Ausstellung zu sehen.

Gustav Metzger hat in den vergangenen Jahrzehnten mit diversen historischen Fotografien gearbeitet. Als Kind jüdisch-polnischer Eltern wurde er 1926 in Nürnberg geboren und als Dreizehnjähriger über einen rettenden Kindertransport an den Londoner Bahnhof Liverpool Street gebracht, dort, wo Citybanker heute gestresst ihren Latte macchiato trinken. Neben der Stahlplatte hängt die tragische Aufnahme schreiend fliehender vietnamesischer Kinder, vor die er einen Bambusvorhang blendet, wodurch die Züge des Schreckens in den Gesichtern allerdings nicht verdeckt, sondern sogar noch grausamer zum Vorschein kommen.

In der Arbeit "To Crawl Into - Anschluss, Vienna, March 1938" muss der Besucher gar unter eine auf dem Boden liegende Decke kriechen, um Juden beim erniedrigenden Putzen des Bürgersteigs zuzusehen. Man ist dem Grauen von Macht und Diktatur plötzlich dermaßen nah, dass Adornos Forderung der Distanz als die erste Bedingung von Kunst, um im Betrachter eine Bewusstseinsänderung herbeizuführen, auf physische Weise widersprochen wird: Und tatsächlich schafft gerade der Effekt, dass die Dinge dermaßen unmittelbar vor einem geschehen, dass man sie nicht sehen kann, enormes Unbehagen.

Metzger gilt in England als eine der wichtigsten Figuren britischer Nachkriegskunst, bekannt für sein Engagement in linksliberalen Protestaktionen im Kampf gegen Atomkraft, Umweltverschmutzung oder den Turbokapitalismus globaler Konzerne. Seine "Autodestructive Art", eine Kunst, der ein Selbstzerstörungsmechanismus innewohnt, erweiterte er später um die autokreative Kunst, die sich aus sich selbst erschaffen kann. Durch die Galerie, die einen Blick in Metzgers Schaffen aus den vergangenen fünf Jahrzehnten wirft, schallen Kinderstimmen vom Band: "Kill the cars!", dazu eine wandfüllende Fotografie, auf der Jungen während einer Londoner Antiautokampagne 1996 auf einem verbeulten Pkw herumspringen. Eine reale Version eines verschrotteten, dabei noch recht neu aussehenden Vauxhalls steht davor, begleitet von aktuellen, ausgerissenen Zeitungsanzeigen, in denen die angeschlagene Automobilindustrie mit der Abwrackprämie lockt, scheinheilig unter dem Deckmantel der sauberen Umwelt, doch natürlich vor allem, um den Markt mit Neukäufen in Schwung zu bringen.

Metzgers jahrzehntelanges Engagement und seine politischen Arbeiten wirken in ihrer Direktheit vielleicht etwas naiv in einer Gegenwart, in der Gesellschaftskritik jüngerer Kollegen eher subtil formuliert wird. Wer als junger Künstler heute dennoch direkt in das politische Geschehen eingreift, wird für seinen Brachialrealismus als Zyniker belächelt, wie beispielsweise Santiago Sierra. Er bezog sich in einer seiner provokanten Arbeiten sogar ganz konkret auf Metzger, als er Abgase mehrerer Ford Fiestas in eine Synagoge in Stommeln pumpen ließ.

Wie in einer Chill-out-Zone, in der der Besucher von aller Konfrontation scheinbar kurz abschalten kann, leuchten im zentralen Galerieraum Metzgers Projektionen "Liquid Crystal Environment 2005-2009". Auf Sitzkissen schaut man auf ein Farbspektrum von Kristallen, die der Londoner ab den 60er-Jahren herstellte, weil ihn die Wissenschaft faszinierte. Er zeigte sie bei Konzerten von Cream oder The Who (Gitarrenzertrümmerer Pete Townshend nennt Metzger seinen Lehrer) als Bühnenbilder und schuf damit den typisch stereotyp-psychedelischen LSD-Effekt. Doch die verführerische Form kann bei Metzger auch zur subtilen Falle werden: Dann, wenn die ästhetisch zerstörte Leinwand durch Säure an Umweltkatastrophen erinnert oder die hippiehaften Kristallbilder an bunt schillernde, weil von der Industrie vergiftete Flüsse.

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