Kasachischer Film "Tulpan": Das Röhren der Kamele

Sergey Dvortsevoy dreht in der kasachischen Steppe einen erfahrungsgesättigten Spielfilm über das Leben der Hirten: "Tulpan"

"Tulpan"-Held Asa. Bild: pandora film

Kamele und Schafe sind die größten Tiere, die es in den Steppen des südlichen Kasachstan aushalten. Sie streunen zwischen den sporadischen Büschen herum, die aus dem Sand wachsen. Alle paar hundert Kilometer steht ein Zelt, in dem ein paar Menschen leben. Sie kümmern sich um die Schafe und horchen auf das Röhren der Kamele. Manchmal kommt ein Sandsturm, dann geht die Welt unter, hinterher muss sie wieder freigeschaufelt werden, und das eintönige Leben geht weiter.

In dieser Gegend und unter diesen Bedingungen einen Film zu machen ist ein wagemutiges Unterfangen, zumal sich nur wenige Geschichten aufdrängen. Im Grunde gibt es nur dann etwas zu erzählen, wenn ein Tier krank wird oder wenn ein Naturereignis daherkommt. Und dann ist da natürlich noch die eine Sache, die Menschen überall interessiert: die Zweierbeziehung und ihre Anbahnung. Sie stehen auch im Mittelpunkt von Sergey Dvortsevoys Film "Tulpan".

Das Mädchen Tulpan ist die schönste Tochter in der Gegend. Wer um ihre Hand anhalten will, wie es der gerade vom Militär zurückgekehrte Matrose Asa vorhat, muss mit Vater und Bruder eine lange Reise von Jurte zu Jurte unternehmen. Dort sitzt Asa dann auf einem Teppich vor zwei alten, verwitterten Leuten, die ihre Tochter streng versteckt halten. Asa gibt sich alle Mühe, attraktiv zu erscheinen. Er erzählt abenteuerliche Sachen, die er bei der Marine erlebt hat. Aber Tulpan, so wird ihm später beschieden, will ihn nicht. Sie stößt sich an seinen Ohren, die deutlich abstehen. Damit ist Asa dazu verurteilt, weiterhin mit seinem unwirschen Schwager, seiner Schwester, deren Kindern und seinem besten Freund Boni ein eintöniges Hirtenleben zu führen. Er spricht zwar noch ein paar Mal bei den Eltern von Tulpan vor und wird dabei auch zunehmend forscher, denn er glaubt, dass ihm das Mädchen vorenthalten wird. Aber dieses Liebeswerben ist nur so etwas wie der dramatische Vorwand in einem Film, der sich auch ganz und gar dem Tagwerk überlassen, dokumentarisch werden und einfach aufzeichnen könnte, wie diese Menschen leben, zu denen nie ein Tourist kommen wird.

Tatsächlich kommt Sergey Dvortsevoy auch vom Dokumentarfilm, und "Tulpan" erscheint wie eine konsequente Weiterentwicklung der Methode von Robert Flaherty, der in "Nanook of the North" (1922) mit arktischen Eingeborenen ein Drama exponierter Humanität gestaltet und damit Filmgeschichte geschrieben hat. In "Tulpan" geht es zuerst einmal um eine grundlegende Stufe im menschlichen Leben: Asa will sich von der Familie lösen, er will eine eigene Existenz aufbauen, die Alternative wäre, die Steppe zu verlassen und in die Stadt zu ziehen. Das ist die Option von Boni, der sich zwar nur einen ungefähren Begriff von der Zivilisation macht (in dem Radio in seinem Traktor läuft immer nur ein Lied: der Hit "By the Rivers of Babylon" von Boney M.), dessen Neugierde aber übermächtig ist.

Asa hat die Welt schon gesehen, er hängt auch an den Tieren und den starken Sinneseindrücken seiner Welt. Die Entscheidung, um die er schließlich nicht umhinkommt, wird von Sergey Dvortsevoy mehr oder weniger vorweggenommen, weil er dieser Welt eine enorme Attraktivität verleiht, obwohl er über ihre Härten ganz und gar nicht hinwegtäuscht. Das Leben in der Jurte ist beschwerlich, zudem unterstehen die Schafhirten immer noch einer Zentralverwaltung, die aus Sowjetzeiten überkommen zu sein scheint. Aber die kleine Nichte von Asa, die unentwegt Volkslieder singt und "Tulpan" damit einen großartigen Soundtrack beschert, scheint mit ihrer Stimme die ganze Weite dieses Landes zu füllen, und Asa weiß, dass er diesen Verlust schwer verschmerzen würde.

Die Skepsis, auf die ein Film wie "Tulpan" zuerst einmal stoßen müsste, weil er doch eine autochthone Lebensform zum Attraktionsmaterial im internationalen Festival- und Arthousekino macht, ist konkret schwer durchzuhalten. Man mag sich täuschen, vielleicht ist das eine Geschichte aus einer potemkinschen Jurte, aber es sieht fast alles nach dem Gegenteil aus: nach einem erfahrungsgesättigten Film, der Hirten, Schafe, Kamele zu Helden einer elementaren, häufig auch elementar komischen Geschichte macht.

Einmal zahlen
.

Fehler im Text entdeckt? Wir freuen uns über einen Hinweis!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de