Heiligenverehrung in Mexiko: Mutter unser am Stadtrand

Die Maria von Guadalupe ist die nationale und religiöse Symbolfigur Mexikos. Mit 20 Millionen Pilgern im Jahr ist das nach ihr benannte Stadtviertel die meistbesuchte Wallfahrtsstätte der Welt.

Eine Gruppe von Clowns zieht mit einem Bild der Maria von Guadalupe durch die Straßen von Mexiko-Stadt. Bild: ap

MEXIKO-STADT taz | Es stinkt bestialisch. Wenn man aus dem U-Bahn-Schacht La Villa Basilica im Norden von Mexiko-Stadt kommt, empfängt einen der Geruch der Armut: eine süßlich beißende Mischung aus Bratfett, Müll, Chlor, verdorbenem Essen und Abgasen. Das Straßenbild dominieren Taco-Stände, Schmuck- und Kleinkunstverkäufer, Schuhputzer, Busse und verstopfte vierspurige Straßen.

Auf dem kleinen Vorplatz am U-Bahn-Schacht haben sich etwa zehn Menschen um zwei Männer herum versammelt. Einer der beiden sitzt mit verbundenen Augen auf dem Boden, um seinen Hals hängt eine apathische Schlange. Der andere redet gestikulierend auf das Publikum ein: "Fragen Sie ihn irgendetwas, heute ist es kostenlos, er wird Ihnen helfen."

Alle strecken dem sitzenden Schlangenmann ihre linke Handfläche entgegen. Der Sprecher deutet auf eine Frau und fragt seinen Kollegen: "Kannst du sie sehen? Was hast du ihr zu sagen?" Sie sei sehr hilfsbereit, werde aber häufig von ihrer eigenen Familie ausgenutzt, antwortet der schnell und atemlos. Die Frau nickt und kurz sieht es so aus, als würde sie in Tränen ausbrechen. Dann fasst sie sich und bestätigt den beiden, dass sie sie nicht kennen und sie für die Auskunft kein Geld bezahlt hat.

Zum Beweis soll sie ihren Ausweis zücken und ihrem Nebenmann geben. "Wie heißt sie?", fragt der Sprecher den Schlangenmann. "Maribel", der Mann neben der Frau nickt und hält den Ausweis hoch. Maribel und die anderen, die beteuern, an Gott zu glauben, bekommen eine kleine Heiligenfigur. "Ich bin heute hier, um der Jungfrau Guadalupe zu danken, heute nehme ich kein Geld", sagt der Schlangenmann.

Der Weg von der U-Bahn-Station zur Basilika ist nicht schwer zu finden: Ein Strom von Menschen zieht an Ständen mit Figuren der Heiligen, Taschen, CDs mit Raubkopien, Schmuck und Essen vorbei in Richtung eines mit Plastikblumen geschmückten Tors. Dahinter ist ein großer Platz, der Blick fällt auf die gelben Kuppeln der alten Basilika. Links steht die stadionähnliche neue Kirche, ein in den Siebzigerjahren errichteter Betonbau mit Buntglasfenstern.

Über dem Eingang prangt ein Satz der Guadalupe: "Bin ich nicht hier, weil ich deine Mutter bin?" Der Priester José Antonio Zabalza schreitet langsam über den Platz und schaut zu dem Spruch hinauf: "Das ist eine wunderschöne Botschaft. Die Jungfrau gibt uns mit diesen Worten Liebe, Zuversicht und Sicherheit", sagt er, und sein Gesicht hellt sich auf. Er ist aus Lindavista, einem Nachbarviertel. "Wir feiern bei uns ein eigenes Fest, in jeder Stadt gibt es eins in diesen Tagen." Trotzdem sei dies ein wichtiger Ort und er sei immer wieder ergriffen, wenn er hierherkomme.

Es ist Vormittag, und noch ist es ruhig. So ruhig, wie es am Rande einer Stadt mit zwanzig Millionen Einwohnern eben sein kann. Links vor der neuen Kathedrale spielt ein Blasorchester mit mehreren Trommlern enthusiastisch vor sich hin. Von rechts schallt Kindergesang aus Lautsprechern über den Platz: "Gottes Wort zeigt uns den Weg." Ein wenig den Hügel hinauf hat sich eine Gruppe Indios aus Chiapas in weißen Gewändern mit grellbunten Ornamenten versammelt. Sie haben Geigen und Trommeln und singen ebenfalls. In ihrer indigenen Sprache. Eine Frau trägt ein großes Bild der Guadalupe, eine andere eine große Vase mit Trockenblumen.

Die Legende der Jungfrau Guadalupe ist mehr als die Verehrung eines Marienheiligtums. Sie ist Sinnbild für die christliche Bekehrung der indigenen Bevölkerung durch die Spanier. Und ein nationales Symbol. Die Religion ist von jeher, sagt der Historiker Enrique Florescano, "das vereinende Band zwischen den verschiedenen Gruppen und Kasten". Im 18. Jahrhundert wurde Guadalupe zur Patronin von Mexiko-Stadt und des kolonialen Vizekönigreichs Neuspanien erklärt. Viele zeitgenössische Gemälde zeigen sie mit indigenen Symbolen wie dem Adler oder dem Kaktus. Die Guadalupe repräsentiert die Einheit von Indigenen, Nachkommen der Spanier und Mestizen.

Der Priester Miguel Sánchez schrieb 1648 als Erster die Geschichte auf und interpretierte sie als Gründung der mexikanischen Kirche und als Privileg Mexikos: "Die Konquista fand auf der mexikanischen Erde statt, denn hier sollte die Jungfrau Maria in ihrem heiligen Abbild der Guadalupe erscheinen." Die Guadalupe ist der Gründungsmythos der Mestizen-Nation und der mexikanischen Kirche. Sie verkörperte Gottes Schutz für das Vizekönigreich und wurde zur Basis für den mexikanischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts.

Im Kampf um die Unabhängigkeit von Spanien soll Miguel Hidalgo, Held der Unabhängigkeit, vor einer entscheidenden Schlacht 1810 gerufen haben: "Viva die Jungfrau Guadalupe! Viva America, für das wir kämpfen werden!"

Auf dem Platz sammeln sich immer mehr Menschen, eine Gruppe mit weiß-blauen Gewändern und weißem Federschmuck auf den Köpfen tanzt im Kreis. "Wir kommen jedes Jahr. Seit Mai proben wir den Tanz", sagt Eva Isabel Belmares Morales und streift sich die weißen Federn vom Kopf. Die Tanzgruppe ist aus Monterrey, sie sind alle Arbeiter der Wasserwerke. "Wir haben keine besondere Bindung mehr zu den indigenen Wurzeln, aber wir übernehmen Tanz und Kostüme, weil sie zu Mexiko gehören." Sie kommen, um der Jungfrau zu danken. Dafür, dass sie immer da sei und dass sie es wieder durch ein Jahr geschafft haben. "Ich bitte sie um nichts, sie tut ja alles für mich, was ich brauche: Ich bin gesund und meine Familie auch", sagt die 47-Jährige.

Auch Hilda Guerra bittet die Jungfrau nicht um bestimmte Dinge. "Es gibt Leute, die kommen, um sie um Geld oder Erfolg zu bitten", sagt die 68-Jährige, die Spenden sammelt für die Renovierung der alten Kirche. "Aber das ist vermessen, wir alle müssen dankbar sein, dass die Jungfrau da ist, denn sie ist immer da." Die Guadalupe sei der Beweis für die Existenz Gottes und habe erst die Indios zum rechten Glauben gebracht: "Die haben ja an gar nichts geglaubt, nur an die Sonne und den Mond."

Gegen Nachmittag ist der Platz voll, eine Gruppe Fahrradfahrer aus dem Süden ist angekommen, ein Strom von Menschen zieht stetig durch das Tor und in die neue Kathedrale hinein. Die Blaskapelle ist wieder da und spielt "When the saints go marching in". Drei Gruppen von Tänzern in bunten Azteken-Kostümen scheinen zum Trommelrhythmus um die Wette zu tanzen. Sie tanzen im Kreis und in Reihen, bewegen sich langsam im Tanzschritt zum Rhythmus der Trommeln und Schellen an ihren Füßen über den Platz - und kommen sich ab und an in die Quere.

Nayeli Jazmin Beltrán und Luis Roberto Escudero Castro laufen auf dem Platz und schauen sich suchend um. "Wir brauchen Touristen, aber hier sind keine", sagt die 16-jährige Beltrán. Die beiden sind von ihrem Englischlehrer hierher geschickt worden, um kurze Interviews mit Touristen über die Finanzkrise zu führen. Ihr Englisch ist sehr schlecht, die Interviews können nur schriftlich geführt werden, sie haben die Fragen aufgeschrieben. Eine besondere Bindung zu dem Ort haben sie nicht. "Sie ist die Mutter Gottes, das alles hier gehört einfach dazu", sagt Beltrán. "Meine Familie ist nicht besonders religiös, aber ich habe Respekt vor dem Ort", ergänzt Castro.

An kleinen Ständen werden bunte Kerzen verkauft, aber die Verkäufer preisen ihre Waren nicht an. Trotz der vielen Menschen ist es vergleichsweise ruhig. Einige der Ankommenden fallen vor der Kirchentor auf die Knie und rutschen auf Knien hinein, überwiegend die Frauen, die Männer halten sie an der Hand und gehen langsam nebenher. Ein paar Frauen haben Tränen in den Augen, immer wieder bekreuzigen sie sich.

Drinnen, in der neuen Basilika, spricht vorn ein Priester. Hinten, in den letzten Reihen, ist er kaum zu verstehen. Über ihm hängt das Gemälde, wonach alle Abbildchen und Figuren entstanden sind. Links und rechts vom Altar liegen Berge von Blumen, und einige kleine Altäre mit der Guadalupe stehen rechts an der Wand. Sie sind Mitbringsel von Pilgern aus dem ganzen Land, jeder trägt den Ortsnamen, aus dem er stammt.

Erinnerungsfotos

Rechts vom Altar führen ein paar Stufen hinunter, unten ist emsiges Gewusel. Fünf Fließbänder laufen unter dem Altar her, und nach oben ist der Blick frei auf das Bild der Jungfrau. Wären die Menschen nicht so andächtig, könnte man meinen, man sei am Flughafen gelandet. Fast alle zücken ihre Mobiltelefone oder Fotoapparate für Erinnerungsbilder.

Am Abend gibt es ein kleines Feuerwerk, langsam bewegt sich der Strom Richtung U-Bahn-Schacht. Die Schlangenmänner sind noch da, gerade wird einer Frau gesagt, sie dürfe nicht so weich und hilfsbereit sein, sie werde ausgenutzt. Und: "Heute ist es umsonst, wir sind hier, um der Guadalupe zu danken. Die Herumstehenden bekommen kleine Heiligenfiguren, und dann kommt doch noch Geld ins Spiel. Die Heiligenfiguren werden in Wassergläser gelegt. "Jeder von euch sollte eine Münze in das Glas tun - dann wird es euch nicht an Geld mangeln." Die Guadalupe werde dafür Sorge tragen.

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