Abhängig von Facebook: Max Mustermann vs. Mark Zuckerberg

Lange Zeit war "Max Mustermann" fröhliches Mitglied der Facebook-Gemeinde. Bis sein Konto gesperrt wurde. Woher wissen die bloß, dass er in echt gar nicht so heißt?

Max Mustermann, existierst du auch im real life? Nein, meint Facebook. Bild: screenshot facebook

Ich bin süchtig. Eigentlich hatte sich die Feststellung bereits über Tage von den hintersten Ecken meines Unterbewusstseins in mein Denken eingeschlichen, und dennoch traf mich diese Erkenntnis wie ein präziser deftiger Schlag in die Magengrube meines Selbstwertgefühls. Süchtig: das heißt abhängig. Abhängig von einem milchgesichtigen, Adiletten tragenden, mit Kuscheltier auf einem biederen Fernsehsessel entspannenden, Fan-von-sich-selbst-Harvardsprössling namens Mark Zuckerberg. Ich bin süchtig nach Facebook - mir ist schlecht.

Der Tag hatte so harmlos angefangen. Computer hochgefahren und ab zur blaufarbigen Hemisphäre meines digitalisierten Freundeskreises. E-Mail, Passwort: nichts. E-Mail, Passwort: wieder nichts. Erst nachdem ich noch einige weitere Male erfolglos mein Passwort langsam und kontrolliert eingegeben hatte, fiel mir diese kleine ungewohnte Box auf der Startseite von Facebook auf: "Your account has been disabled. If you have any questions or concerns, you can visit our FAQ page here." Fassungslos starrte ich auf den Bildschirm. Mein Konto war gesperrt worden. Warum? Warum ich? Warum jetzt? Spinnt ihr? Das könnt ihr doch nicht machen.

Oh ja, ich hatte Fragen, und wie ich Fragen hatte und auch Beschwerden, einige! Aber ich wollte keinen dämlichen Fragen-Antwort-Katalog, ich wollte jemand, an den ich mich wenden konnte, jemand, der mir das erklärt. In meinem elektronischen Postfach konnte ich keinerlei Erklärung zu den mir unerklärlichen Vorfällen finden, nicht einmal eine Benachrichtigung, dass mein Konto gesperrt worden war. Auf meine immer wütender formulierten Briefe - "consider legal actions" usw. - an disabled@Facebook.com bekam ich ebenfalls keine Antwort. Facebook kann das einfach machen.

In den FAQs fand ich letztlich doch eine, nun ja, Vermutung auf das Warum. "Facebook does not allow users to register with fake names." Max Mustermann ist da natürlich etwas verdächtig, aber was sollen denn da all die realen Max Mustermanns sagen, werden die auch rausgeschmissen? Und wie kommt Facebook mit den Angaben meines (falschen) Namens und meines (echten) Geburtsdatum zu dieser Erkenntnis? Kontakte zum Einwohnermeldeamt oder Datenaustausch mit meinem E-Mail Provider? Alles egal. Nicht mit mir. Ich brauche kein Facebook, ich stand diesen sozialen Netzwerkgeschichten immer kritisch gegenüber.

Ich hab kein Problem damit, wenn selbst entfernteste Freunde Zeuge meiner entwürdigenden Momente in alkoholischer Glückseligkeit werden, sie kennen mich ja gar nicht anders. Allerdings möchte ich diese Fotos nicht googelbar machen, nicht mit 6 Milliarden Menschen teilen und sie nicht auf mein reelles Dasein zurückführbar machen. Ich möchte auch nicht, dass Herr Schäuble weiß, wie viel ich trinke. Deswegen der Mustermann. Wenn also nicht anonym, dann gar nicht. Facebook kann mich mal.

Jeden Tag überprüfte ich, ob mein Konto nicht doch wieder entsperrt worden war, ob man mir nicht doch auf meine schriftlichen Drohungen wenigstens geantwortet hatte. Der Enttäuschung folgten Frustration, Ärger, verbale Entgleisungen und obszöne Beschimpfungen meines Computerbildschirms, in denen Mark Zuckerberg eine tragende Rolle spielte. Während ich in Selbstmitleid badete, stellte sich letztlich jene bittere Erkenntnis ein: Ich bin süchtig.

Ich brauche Facebook nicht - ich würde es nicht brauchen, hätte ich es nicht schon so lange gebraucht. Ich habe mich so darauf eingelassen und eingestellt, dass ich zu vielen Freunden, vor allem zu Freunden im Ausland nur noch Kontakt über Facebook habe. Ohne Facebook kein Kontakt zum Ausland. Zu vielen Feiern wird man mittlerweile nur noch über Facebook eingeladen. Ohne Facebook keine Einladung. Ganze Gespräche kann man nicht nachvollziehen, weil "hast du gesehen, was ich auf Facebook gepostet hab" der Anfang jeder zweiten Konversation ist. Ohne Facebook keine Kommunikation. Ich bin abhängig von Facebook - ich könnte kotzen.

So sehr es gegen mein Selbstwertgefühl, meine moralischen Grundsätze verstößt, so sehr ich bei dem Wort "Facebook" mittlerweile Brechreize verspüre: Ich werde mich wieder anmelden, ich muss mich wieder anmelden. Dass Mark Zuckerberg aufgrund seiner kürzlich auf Facebook geänderten Datenschutzbestimmungen Opfer seiner selbst wurde und nun die besagten Privatfotos von ihm - mit Adiletten vor Bierfass oder mit Teddybär auf Fernsehsessel - im Internet kursieren, ist nur ein schwacher Trost für die entwürdigende Feststellung, von ihm abhängig zu sein.

Eines werde ich jedoch niemals tun. Ob Mustermann, Müller, Meier, Mayer, Maier oder Meyer: Niemals nicht werde ich mich mit meinem richtigen Namen anmelden. Niemals! Lieber Herr Zuckerberg: jetzt erst recht.

Einmal zahlen
.

Fehler im Text entdeckt? Wir freuen uns über einen Hinweis!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben