Debatte Vertriebenen-Stiftung: Demokratische Erinnerung

Der Streit um die Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" zeigt: Ein zentrales und repräsentatives Gedenken passt nicht ins digitale Zeitalter.

Die Auseinandersetzungen um den vakanten Sitz im Stiftungsrat der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung", der dem Bund der Vertriebenen zufällt, befinden sich längst in einem Stadium jenseits von Gut und Böse. Das Angebot Erika Steinbachs, auf ihren Anspruch zu verzichten, wenn ihr Verband dafür in diesem Gremium mehr Sitze erhält, verrät indessen, wohin die Reise gehen soll: Die Präsidentin möchte für den Vertriebenenbund damit eine Art Deutungshoheit über die Geschichte der Vertreibungen in Europa erringen. Aber das ist vielleicht noch nicht einmal ihr wichtigstes Ziel: Mit dem geplanten Museum und wenigstens zwei europäischen Kooperationspartnern im Rücken könnte der Funktionärin als Galionsfigur aller Vertriebenen künftig eventuell der Zugriff auf neue, lukrative europäische Fördertöpfe offenstehen.

Das anhaltende Gezerre um Sitz, Einfluss und finanzielle Ausstattung der "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" hat die eigentliche Frage längst in den Hintergrund gedrängt: ob überhaupt, und wenn ja, wie "des Schicksals von Millionen Vertriebenen in Europa und besonders der Flucht und Vertreibung von 14 Millionen Deutschen angemessen und würdevoll gedacht" werden kann, wie es in einer offiziellen Pressemitteilung heißt. Das Hauptproblem ist dabei nicht die Präsidentin des Vertriebenenbunds, Erika Steinbach. Das Problem ist die Stiftung selbst.

Geht es nach der Bundesregierung, soll die Stiftung im "Deutschlandhaus" am ehemaligen Anhalter Bahnhof in Berlin eine "Ausstellungs- und Dokumentationsstätte zur Erinnerung und zum Gedenken an Flucht und Vertreibung" errichten. "Das Ziel ist, Erinnerung und Gedenken an das ,Jahrhundert der Vertreibungen' und das damit verbundene menschliche Leid auch in jüngeren Generationen wach zu halten und durch Aufarbeitung der Geschichte zur Versöhnung beizutragen", so die Erklärung.

Dieser Plan lässt sich auch anders beschreiben. Demnach soll ein weiteres prachtvolles Museum das Ansehen Berlins und der Bundesrepublik in der Welt vergrößern helfen. Unbeeindruckt von den Möglichkeiten des digitalen Zeitalters, soll das Museum seinen Besuchern aus aller Welt eine ebenso ausgewogene wie erstarrte Sichtweise des "Jahrhunderts der Vertreibungen" in Europa vermitteln. Für dieses Jahrhundertprojekt wurde ein wissenschaftlicher Beirat von bislang gerade einmal acht Experten ausgewählt, die - so qualifiziert sie auch sein mögen - schon jetzt das Handtuch werfen müssten, betrachtet man die Vielzahl der Vertreibungen in Europa.

Nach dem Rückzug des polnischen Historikers Tomasz Szarota aus dem Wissenschaftlichen Beraterkreis im Dezember 2009 und anderen unappetitlichen Streitereien steht der Sinn der Dokumentationsstätte in Frage, bevor sie überhaupt eröffnet. Und wie steht es um die Zielgruppen? Schüler und Schülerinnen werden natürlich einen Pflichtbesuch des Museums in Kauf nehmen müssen, wenn eine Klassenreise sie nach Berlin führt. Ob so das hehre Ziel, die Erinnerung und das Gedenken an das "Jahrhundert der Vertreibungen" wach zu halten - ganz abgesehen von so etwas wie "Versöhnung" - erreicht werden kann, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt. Versöhnung setzt einen Dialog voraus, ein "Du" und ein "Ich". Öffentliche Bekenntnisse und symbolische Politik taugen dazu nur wenig.

Mit ihrer Entscheidung vom September 2008, die "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" zu errichten, hat die Bundesregierung die Chance zu einem großen Wurf verpasst. Ein digitales Museum, vernetzt mit vielen lokalen Initiativen, die sich der Aufarbeitung der Vertreibungen in Europa verschrieben haben, wäre eine bessere Alternative gewesen, außerdem technisch wie sozial auf der Höhe der Zeit.

Der Gedanke ist einfach: Vertreibungen, im umfassenden Sinn des Wortes verstanden, fanden vor meiner Haustür, in meiner Straße und in meiner Gemeinde statt. Genau dort sollte die Aufarbeitung, im Zusammenwirken mit den Vertriebenen und ihren Kindern und Kindeskindern, darum auch beginnen.

Auf welche Weise dies vor Ort erforscht und öffentlich gemacht werden kann, ist bekannt. Dieser Werkzeugkasten ließe sich aber, mit Blick auf die digitale Zur-Verfügung-Stellung, noch erweitern. Ein digitales Museum könnte die lokalen Ergebnisse weltweit zugänglich machen, pädagogische Kommunikationsangebote und Begleitmaterial liefern und eine Plattform für die teilnehmenden Initiativen entwickeln. Die Vielzahl der Initiativen könnte dies zu einer selbständigen Präsentation im Rahmen eines offenen Museumskonzepts ermuntern. Denn unterschiedliche Sichtweisen und Darstellungsformen befördern den Prozess der Verständigung. Wer sich dagegen, aus welchen Motiven auch immer, eine Deutungshoheit anmaßt, erstickt diese Entwicklung gleich im Keim. Im internationalen Vergleich der "Forschungsergebnisse" würde deutlich werden, wie viele Gesichter die Vertreibung hat: Das Spektrum reicht von freiwillig-unfreiwilligen Aussiedlungen bis hin zur gewaltsamen Austreibung. Klar ist auch: Es ist die gleiche Untat, ganz gleich, ob nun ein unbescholtener Mensch oder ein Mörder aus seinem Haus in die Fremde getrieben wird.

Als drittes Ziel könnte so ein digitales Museum dazu beitragen, die Geschichtsbetrachtung von ihren nationalen Beschränkungen zu befreien und sie radikal aus der Perspektive einzelner Menschen und ihrer Familienbindungen zu erzählen.

Und zuletzt: Die lokale Verankerung eines solchen digitalen Museums steht dem Hauptstadtkonzept diametral gegenüber. Gerade in Zeiten der Krise sind die Kommunen mehr denn ja auf ein lebendiges kommunales Selbstbewusstsein angewiesen - auf den Bürgermut, der seine Kraft aus dem Wissen über die eigene Herkunft zieht und sich der wachsenden alltäglichen Zumutungen zu erwehren weiß. Initiativen zur Aufarbeitung der Vertreibungen vor Ort heben Vergessenes ins Bewusstsein und tragen auf diese Weise nicht zuletzt auch dazu bei, das bürgerliche Engagement zu stärken.

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