Andalusien: Verkostung unterm Ölbaum

Das ist für die meisten Costa del Sol, Alhambra, Mezquita, Flamenco und Carmen. Doch wer von Granada aus nach Norden statt ans Meer fährt, landet mitten im España Incognita: in der Provinz Jaén

Bauernhof in der andalusischen Provinz Jaén Bild: Ulamm

Isabel Rojas Montes ist eine echte Señora. Sie geht betont aufrecht, trägt leichtes Rouge, begrüßt ihre Arbeiter mit festem Handschlag und hat die Aura des alten spanischen Landadels. Sie ist die Tochter eines angesehenen Psychologen und heute Besitzerin der Hacienda Madroño, einer Olivenfarm bei Martos. In ihrem Wohnzimmer stehen viele Bilder ihres Vaters, bei der Arbeit in München in den 1930ern, gemeinsam mit der Familie und bei Treffen mit lokalen Größen. Überall Vasen, Heiligenbilder und wertvolle Möbel - und vor allem an einem mangelt es hier nicht: an Öl.

Isabel steht an einem ihrer Bäume und nimmt eine Olive in die Hand. 80 kg davon, sagt sie, bringt ein einziger Baum in zwei Jahren auf die Waage. Oliven, Aceitunas, sind der wirtschaftliche Rückhalt ihrer Farm und der gesamten Provinz. Den Ölbaum umgibt etwas Mystisches, Lebensspendendes, er kann mehrere hundert Jahre alt werden und trotzdem Früchte tragen wie in jungen Jahren. Mancher träumt davon, selbst einmal einen Ölbaum zu pflanzen, und genau auf diese Idee kam man hier schon vor über 2.500 Jahren, als die Phönizier die ersten Bäume ansiedelten. In Reih und Glied stehen sie heute. Aufgereiht, als würde gleich jemand eine Parade abnehmen.

Aceites La Laguna: Dieses Olivenöl Jaéns gilt unter Kennern als besonders gut und erinnert an die Aromen von Tomaten, Artischocken und geschnittenem Gras. Lieblich und ausgewogen ist es und hat dabei die lokaltypischen leicht bitteren und pikanten Nuancen, die sehr gut zu Lamm und Fischgerichten passen. Es wird kaltgepresst aus den Sorten Piscual, Arbequina und Manzanilla entwickelt. Ein weiteres Plus des Olivenölproduzenten: Hier arbeitet seit einigen Jahren die Deutsche Isabel Hermsdorf, die nach Voranmeldung je nach Zeit durch die Anlage führt und sehr gut informiert: Aceites La Laguna S.A. Tel. 953 765100, export@aceiteslaguna.com, www.aceiteslaguna.com

Im nahegelegenen Museum von La Laguna erfährt man alles über Anbauweisen und Tradition der alten Kulturpflanze: www.museodelaculturadelolivo.com

Führungen auf der Finca von Isabel Rojas Montes: www.cortijoelmadrono.com

Wer zwischen Jaén und Úbeda unterwegs ist, sieht zur Abwechslung bestenfalls Strommasten, und schnell wird klar: Jaén ist der größte Olivenölproduzent Spaniens und der Welt, Monokultur pur und dabei dennoch überaus effektiv. Wegen der Subventionen durch die EU wurden Luftaufnahmen von der Provinz gemacht, um die genaue Anzahl der Bäume zu ermitteln: die Zahl ist sagenhaft, es sind über 60 Millionen! Da bleibt kaum Platz für Träume, auch wenn einer der steinalten Bäume nahe Martos "Romeo und Julia" heißt, weil sich seine Verzweigungen so schön aneinander schmiegen.

Zwischen Oktober und März ist die Erntezeit, und in Martos, einem kleinen Ort südwestlich von Jaén, wird jedes Jahr ein kleines Fest veranstaltet, bei dem die Besucher Joyos bekommen, ein Brötchen mit Stockfisch und Öl. Währenddessen stehen Blaumänner an einer alten Ölpresse und arbeiten. Man geht in dieser Gegend zur Öl- statt zur Weinprobe, prämiert wird die Olivenöl-Prinzessin des Jahres, die Früchte werden in modernen Fabriken zu Virgen Extra und einfachem Aceite de Oliva verarbeitet, die Kerne kommen zerkleinert in die Heizanlagen. Das "Gold der Region" wird auch in der Kosmetik, im Handwerk und in der Küche genutzt. Sogar Eis entsteht daraus. Eine Geschmackssache.

Die Provinz Jaén ist wirtschaftlich bedeutend, doch Besuch bekam sie in letzter Zeit bestenfalls von italienischen Importeuren, die das Öl später als italienisches verkauften - bis das aufflog. Touristen dagegen sieht man selten. Dabei hat die Provinz einiges zu bieten, vor allem die landschaftlich schöne Olivenstraße westlich von Jaén und der Naturpark Cazorla mit seinen Bergdörfern, Wanderwegen, Steinböcken, Wildschweinen, Veilchen und Narzissen. Dort entspringt auch der Guadalquivir, der als "Großer Fluss" im späteren Verlauf Sevilla versorgt. Die Verkehrsanbindungen sind rudimentär und den maurischen Glanz prächtiger andalusischer Metropolen findet man hier nirgends. "In Jaén wird gearbeitet, in Sevilla gefeiert", sagen die Bewohner hinter vorgehaltener Hand, und sie sprechen dabei so akzentuiert, dass die Küsten-Andalusier amüsiert behaupten, hier werde beim Sprechen geschnarcht.

Renaissance-Städtchen Úbeda: Kapelle El Salvador und Palast Deán Ortega Bild: Rafael Merelo/cc-by-sa3.0

Historischen Charme verströmen die kleinen Renaissance-Städte Úbeda und Baeza, deren schmucke Adelsvillen und Kirchen eher an Nordkastilien als an Andalusien erinnern. Im Juli 2003 sind sie zum Weltkulturerbe ernannt worden. Doch über allem thront die Hauptstadt Jaén, die mit Murcia zu den unbekanntesten spanischen Städten für deutsche Urlauber zählt. Sie liegt am Fuß der Catalina-Burg und hat mit ihrer Kathedrale aus dem 16. Jahrhundert, dem Rathaus und dem Palacio de Villardompardo mit seinen arabischen Bädern durchaus etwas zu bieten. Ganz klar, dass vor der Kathedrale nur eine Baumart den Vorplatz ziert: der Olivenbaum. Allmählich aber nimmt der Tourismus Fahrt auf, lockt mit Parador-Unterkünften, ausgezeichneten Wanderrouten und der beachtlichen Kochkunst. Auch Isabel hat viel vor. Längst hat sie ein kleines Museum in Planung, organisiert Bankett-Essen und bald auch Führungen durch die Oliven-Anlagen.

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