Kommentar Die Woche: Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?

Die Bundesregierung fälscht Statistiken, Erdogan poltert doch nur – und US-Präsident Obama kann jetzt auch mal gelobt werden. Die Woche mit Friedrich Küppersbusch.

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht letzte Woche?

Friedrich Küppersbusch: Ich liebe Frühling, und jetzt muss ich so schlimm schnell lieben!

Was wird besser in dieser?

Friedrich Küppersbusch ist Fernsehproduzent und wird von der taz jede Woche zum Zustand der Welt befragt.

Schalke oder Bayern, einer verliert auf jeden.

Die Bischofskonferenz eröffnet eine neue Hotline für Opfer sexuellen Missbrauchs. Besser spät als nie?

Und der Bock ne Gärtnerei.

In Deutschland ist ein Streit über türkische Gymnasien entbrannt, deren Gründung der türkische Ministerpräsident Erdogan fordert. Ihre Meinung ?

Die Gründung solcher Privatschulen würde sich nicht verhindern lassen. Bildung ist das Gegenteil von Abschottung, also schadete man so seinen Kindern. Die einhellige Ablehnung bei Türken, Deutschen und allem dazwischen mag belegen: Erdogan ist realistisch genug, den Mumpitz nur für die Lufthoheit über den Wasserpfeifen rausgepoltert zu haben.

Die Bundeswehr wirbt um Sympathie und Nachwuchs - und nutzt dafür auch einen Schießsimulator. Darf die Bundeswehr so für sich werben?

An der Schule meines Sohns in Dortmund übernimmt ein örtlicher Versicherungskonzern Bewerbungscoaching und Teile des Mathematikunterrichts. Das Beispiel mit den Schießübungen schreit natürlich nach einer spaßigen Unterschenkelamputation mit echtem Feldgottesdienst in der Pausenhalle. Der Staat spart Bildung kaputt und lässt dann alle in die Schule, die Kohle mitbringen oder dreist genug sind.

Die zunehmende Radikalisierung der linken Szene in Deutschland hat die Zahl der politischen Straftaten im vergangenen Jahr auf einen Höchststand getrieben. Warum?

Es schmeckt so, wie gekocht wird. In Teilen Ostdeutschlands gilt es als "nicht politisch", Schwarze zu schmähen. Anderswo meint man erkennen zu können, dass Autos irgendwie links abbrennen. Die Zahl der rechten Straftaten ist doppelt so hoch wie die, die der Linken zugeordnet werden. Wobei das Verfälschen der Statistik durch die Bundesregierung selbst nicht als rechte Straftat mitgezählt wurde.

US-Präsident Obama hat die Gesundheitsreform durchgebracht. Kann man ihn jetzt wieder gut finden?

Zum ersten Mal. Bisher war er der erste Mensch, dem es gelungen ist, beim Nobelkomitee n Deckel zu machen. Mit der Gesundheitsreform löst er ein Jahrhundertproblem der US-Innenpolitik. Das ist gut für über 30 Millionen Unversicherte und ein dezenter Hinweis für Philipp Rösler: In den USA werden Arbeitgeber künftig bis zu 72,5 Prozent der Krankenversicherungsprämie zahlen. Die Reform mag aussehen wie die Blechdose, an der Kuhjungs stundenlang schießen geübt haben: ein Stück amerikanischen Kulturgutes. Unterm Strich immer noch ein großes Plus für neue Taten.

Die EU hat sich auf einen Hilfsplan für Griechenland geeignet. Wird alles gut?

Merkel hat gezögert und gezaudert und die anderen Europäer genervt, bis endlich via Währungsfonds der große Bruder USA mitspielen durfte. Auf den zweiten Blick hat sie damit auch das Ansinnen ausgesessen, den EU-Rat in eine "Wirtschaftsregierung" zu verwandeln. Sarkozy forderte das und er hätte sich womöglich bitten lassen, in dieser nie gewählten Regierung den Oberbestimmer zu geben. Kritik von Grünen und SPD, "Europa hätte das allein hinkriegen müssen" passt nicht zu der erhabenen Demokratieferne Europas, die Grüne und Sozis anderntags wieder beklagen. Deutschland bürgt allein für 27 Prozent des Rettungspakets, und wenn Merkel die Entscheidungen darüber wegschenkt, übersteht sie die nächste Wahl nicht. Wir in Dortmund fragen uns doch auch, ob wir einen CDU-OB wählen müssen, weil andernfalls die Drachme kommt.

Außenminister Westerwelle ist im Beliebtheitsranking der Politiker auf den letzten Platz gerutscht. Und nicht nur das: Auch seine Partei sackt immer weiter ab. Armer Guido?

Die FDP wird bei 8 bis 9 Prozent gesehen, das ist gut die Hälfte des Bundestagsergebnisses - und vielleicht das Doppelte ihres politischen Gewichts. Westerwelle duldet keine starken Politiker um sich, seine Buddy-Reisen unterscheiden sich nicht wesentlich von seinem Buddy-Zuhausesein. Das mag sein Machtbedürfnis erfüllen, zwingt ihn aber auch, alles selbst zu machen: Aus Angst, jemand anderes könne sich profilieren. So ist er Außenminister, das passt gerade noch zu Vizekanzler, knirscht jedoch mit dem spendensammelnden Parteichef und liegt im offenen Krieg mit dem polemisierenden Generalsekretär - das Einzige, das er gelernt hat. Genscher verhielt sich zu Lambsdorff, Möllemann und Sollms wie Westerwelle zu Westerwelle und Westerwelle.

Und was machen die Borussen?

Die aktuelle Spielweise scheint die teuerste und bestgetarnte Methode zu sein "Weidenfeller für Deutschland" zu formulieren. Google "Weidenfeller rettet": 900 Fundstellen, "… verhindert" noch 200 drauf. So ungefähr war Berlin und wesentlich die Saison.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben