Regisseur Luk Perceval: Von der Reeperbahn zum Theatertreffen

Am Hamburger Thalia Theater ist er Oberspielleiter und mit einer Inszenierung aus München ist er nun zum Theatertreffen eingeladen: der Regisseur Luk Perceval.

Szene aus Percevals "Große Freiheit Nr.7" am Thalia Theater in Hamburg. Bild: apn

Die Stimmung dieses Theaterabends stammt tatsächlich aus einer Hafenkneipe. Zur müden Vorabendstunde allerdings. Gespräche fließen noch nicht. Auf einem Barhocker wird schweigend geraucht, und es verbreitet sich alles andere als jene ausgelassene Varieté- und Unterhaltungsstimmung, mit der Helmut Käutners Filmklassiker "Große Freiheit Nr. 7" den Mythos vom Reeperbahn-Vergnügen geformt hat. Deren Realität, die schon bei Drehbeginn 1943 anders aussah, holt der Regisseur Luk Perceval nun in ihrer zeitgemäßen Härte auf die Bühne des Hamburger Thalia Theaters: eine Mischung aus Wehmut, Melancholie und Trostlosigkeit, eine an der Realität orientierte atmosphärische Depression.

Das adrette Mädchen, das hereinplatzt, heißt nicht mehr Gisa, sondern Jadranka und spricht mit osteuropäischem Akzent. Der knurrige Kneipensänger, gespielt von Matthias Leja, versucht gar nicht erst, sich bei ihr Chancen zu erträumen, die Hans Albers im filmischen Illusionsspiel haben durfte.

"Große Freiheit Nr. 7" ist Luk Percevals dritte Inszenierung am Hamburger Thalia Theater, an das er in dieser Spielzeit mit dem neuen Intendanten Joachim Lux als Oberspielleiter gewechselt ist. Wie bindet man eine Stadt ans Theater? Käutners Film als Bühnenadaption auf dem Spielplan setzt zweifelsohne auf Lokalkolorit. Aber Perceval ist sich treu geblieben, inszeniert nicht den ranschmeißerischen Budenzauber, sondern eine elementare Melancholie, in der Seemanns-Romantik keinen Platz hat. Und obgleich die Inszenierung bald handlungsstarr und ziemlich gelähmt wirkt, öffnet sich doch ein Raum, der mit elementaren Kräften aufgeladen ist.

Was sich darin en detail abspielt, ist bei Perceval, der seit mittlerweile zehn Jahren an deutschen Theatern inszeniert, immer wieder für eine Überraschung gut. Kurze Zeit nach seiner gewaltigen "Schlachten"-Inszenierung, die über neun Stunden die Machtspiele der englischen Königsgeschlechter verhandelte, gab es von ihm eine kammerspielhafte Version von Jon Fosses "Traum im Herbst" mit einer bis ins kleinste körperliche Detail reichenden Präzision, aus der sich in kargen Erinnerungen und Andeutungen ein Paar-Schicksal erzählte. Ganz so weit reicht die formale wie inhaltliche Spannbreite seiner jüngeren Arbeiten nicht, sie bleibt dennoch groß genug.

Maxim Gorkis "Kinder der Sonne" hat Perceval im Gegensatz zu "Große Freiheit Nr. 7" in einen abstrakten Kunstraum verlegt. Während im Hintergrund eine Papierleinwand mit Kinderzeichnungen bemalt wird, tritt die weltfremde Hausgesellschaft, die der Chemiker Protassow um sich versammelt, abwechselnd nach vorne. Ob man man sich nun gegenseitig bewundert, bemitleidet oder verprügelt - alles weist gleichsam auf den Egoismus aller hin. Mit dem ist eine weltrettende Revolution, die sich im Grunde alle erhoffen, nicht zu machen. Nichts bewegt sich hier. Allerdings schert sich niemand darum, und es stellt sich nicht die formale Dichte ein, mit denen Percevals gelungenere Arbeiten überzeugen.

Seine Inszenierung von "Kleiner Mann - was nun?", an den Münchner Kammerspielen entstanden, ist jetzt zum Theatertreffen eingeladen, das am 7. Mai in Berlin beginnt: allseits gelobt für ihre Wirkungsmechanik, dafür, wie die Mittel in den Dienst der Geschichte gestellt werden, und Perceval den Würdeverlust des Arbeitslosen aus Falladas Roman nicht mit Paukenschlag erzählt, sondern als Folge vieler kleiner Vernichtungen.

Wie immer hat Perceval die Textfassung selbst geschrieben. Aber es ist vor allem die intensive Beschäftigung mit den Schauspielern, die seine Arbeit prägt. Text, so fordert er, soll in tiefere Schichten einsickern. Um das antrainierte schauspielerische Darstellungsbedürfnis aufzubrechen, hat er es bei den Proben schon mit Federball bis Yoga versucht. Seit einiger Zeit filmt er seine Schauspieler mit der Videokamera, fasziniert von der Art der Repräsentation als auch von der Intimität vor der Kamera.

In seinen jüngsten Arbeiten hat das Spuren in der Spielweise hinterlassen; am interessantesten in "The Truth about the Kennedys". 150 Jahre Clangeschichte werden hier halb dokumentarisch, halb spielend erzählt. Aus Familiengruppierungen auf der Drehbühne treten die Schauspieler immer wieder nach vorne und erzählen von den Defekten, mafiösen Machenschaften und politischen Verstrickungen. Doch die Ansprache richtet sich nicht auf übliche Weise ans Publikum, immer bleibt das Gefühl, da ist noch eine andere Instanz mit im Raum, zu der gesprochen wird und vor der die Familie funktionieren will.

Wenn im Hintergrund die Kennedy-Kinder verzärtelt rangeln, repräsentieren die Clan-Ältesten vorne das aufrechte Familienbild. Wenn einer ausschert, dreht sich die Bühne weiter - Symbol für ein familiäres Räderwerk, das nicht zu stoppen ist. Zwar hat auch diese Inszenierung zum Thalia-Start die hochgesteckten Erwartungen nicht ganz erfüllt, aber sie rumort länger in Erinnerung als manch anderes, was man in den vergangenen Monaten gesehen hat.

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