Gefahr für Gesundheit: Nervengift in Ostseefisch

Fische, Muscheln und Plankton in der Ostsee enthalten geringe Mengen eines Nervengiftes. Forscher befürchten, dass davon eine Gefahr für die menschliche Gesundheit ausgehen könnte.

Auch in Ostseeheringen sind geringe Spuren des Neurotoxins gefunden worden. Bild: dpa

STOCKHOLM taz | Schwedische Forscher haben in Plankton, Fischen und Muscheln aus der Ostsee Spuren eines Nervengifts gefunden, das mit dem Ausbruch von Krankheiten wie ALS, Alzheimer und Parkinson in Verbindung gebracht wird. Quelle dieses Neurotoxins BMAA (Beta-methylamino L-alanine) sind Cyanobakterien, eine Nahrung dieser Meerestiere. Die Befürchtung der Forscher: Von diesen Organismen könnte eine Gefahr für die menschliche Gesundheit ausgehen. Wobei das Maß der BMAA-Konzentrationen in Fischen und Muscheln offenbar im Zusammenhang mit den kräftigen Algenblüten steht, von der die überdüngte Ostsee in den vergangenen Sommern mehrfach heimgesucht wurde.

Zusammen mit den Algen vermehren sich nämlich die mit diesen in Symbiose lebenden Cyanobakterien. Von diesen Bakterien, die auch als Blaualgen bezeichnet werden, ist schon lange bekannt, dass sie ein Lebergift enthalten, das zu Erbrechen und Übelkeit führen kann. Vor fünf Jahren konnten ForscherInnen der Uni Stockholm Spuren von BMAA in diesen Cyanobakterien nachweisen. Zwischenzeitlich haben sie BMAA in unterschiedlicher Konzentration auch in solchen Organismen gemessen, die sich direkt oder indirekt von Cyanobakterien ernähren.

Ihre Forschungsergebnisse, die sie jetzt in der US-amerikanischen Wissenschaftszeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht haben, schätzen sie selbst als "alarmierend" ein.

"Wir haben BMAA in Organismen gefunden, die von Menschen gegessen werden", sagt Lars-Olof Ronnevi, Dozent an der neurologischen Klinik des Stockholmer Karolinska-Universitätskrankenhauses und einer der Mitverfasser der Studie: "Und bis jetzt spricht nichts gegen die These, dass diese Substanzen eine Bedeutung für die Entwicklung der fraglichen Krankheiten haben könnten."

BMAA ist bei Untersuchungen von Alzheimer-Patienten in Kanada und ALS-(Amyotrophe Lateralsklerose)-Patienten in den USA nachgewiesen worden. Eine Verbindung zwischen BMAA und Krankheiten des Parkinson-Demenz-Komplexes war vor einigen Jahren erstmals von dem US-Wissenschaftler Paul Cox hergestellt worden.

Von solchen Erkrankungen waren Ende der Fünfzigerjahre zehn Prozent der Bevölkerungsgruppe der indigenen Chamorro auf der Pazifikinsel Guam heimgesucht worden.

In deren Kost konnte man hohe Gehalte von BMAA nachweisen: Zu ihren kulinarischen Vorlieben gehörte ein Flughund, der sich von den Früchten eines dortigen Palmfarns mit wiederum hohen BMAA-Konzentrationen ernährt.

"Wir haben nun zum ersten Mal weitverbreitete Vorkommen von BMAA in einem Ökosystem außerhalb der tropischen Guam-Inselgruppe nachgewiesen", sagt Sara Jonasson, Botanikerin an der Universität Stockholm: "Was von großem ökologischen, aber potenziell eben auch medizinischem Interesse sein könnte.

Von den seinerzeit von Paul Cox gemessenen BMAA-Mengen sind die in der Ostsee in Felchen, Seeskorpionen, Heringen und Muscheln nachgewiesenen Konzentrationen noch weit entfernt. Relativ hohe Werte wurden zwar beispielsweise im Gehirngewebe des Steinbutts gefunden. Doch landet das normalerweise nicht in der menschlichen Nahrung.

Ulla Beckman-Sundh, Toxikologin bei der staatlichen schwedischen Lebensmittelbehörde "Livsmedelsverket", sieht daher auch "absolut keinen Grund", derzeit vom Fischkonsum abzuraten: "Niemand kann bisher sagen, ob diese Funde irgendeine Bedeutung für die Gesundheit von Tieren oder Menschen haben." Man werde aber natürlich, so fügte sie noch hinzu, die Forschungen aufmerksam verfolgen.

Lars-Olov Ronnevi betont ebenfalls, „dass ja so gut wie alle Menschen solche Lebensmittel essen und nur eine verschwindend geringe Anzahl von den fraglichen Krankheiten betroffen werden“: „Wenn also diese Substanzen eine Rolle bei der Entwicklung der Krankheiten spielen, so kann es wohl nicht die einige Krankheitsursache sein. Da muss es auch noch andere Faktoren geben.“ Welche mögliche das sein könnten – das wisse man aber noch nicht.

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