Biographie über Ernst Busch: Mehr als Moskauer Marionetten

Jochen Voit legt im Aufbau Verlag eine ebenso einfühlsame wie kritische Annäherung an das Faszinosum Ernst Busch vor.

Weltrevoluzzer mit Niveau Bild: dpa

Um die Weltrevolution voranzutreiben und dem reaktionären Modernismus der Nazis entgegenzuarbeiten, baute die KPD in der Weimarer Republik einen modernen Propagandaapparat auf, der mit dem Verlagsreich Willi Münzenbergs, der Arbeiter-Illustrierten Zeitung, Radioclubs und Filmproduktion ganz auf der Höhe der Zeit war. Später, im Zeitalter der Beatles und Woodstocks, griff die linke Jungintelligenz begierig nach Walter Benjamins These von der befreienden Wirkung des technisch reproduzierbaren Kunstwerks, weil sie der Massenkultur ein revolutionäres Potenzial zuschrieb.

Zu kurz gegriffen wäre es, die vielen Akteure der linksradikalen Populärkultur, darunter das Dreigestirn Bertolt Brecht, Hanns Eisler und Ernst Busch, als Marionetten Moskaus zu betrachten. Wie Dichter und Komponist war auch der Interpret ihrer Songs ein Mann mit Eigensinn, mal mehr, mal weniger widerborstig. Berühmt wurde Busch Ende der 20er-Jahre als Darsteller auf den Berliner Bühnen und im Film, vor allem aber als Sänger revolutionären Liedguts. Aus der SPD war der anarchische Sozialist ausgetreten und bewegte sich im Umfeld der KPD, ohne jemals Mitglied zu werden.

Busch war mit Hans Söhnker und Gustav Gründgens befreundet, reüssierte bei der Verfilmung der "Dreigroschenoper" und in der Hauptrolle des kommunistischen Agitationsstreifens "Kuhle Wampe". In den letzten Jahren der Weimarer Republik und während des "Dritten Reiches" entstanden seine bekanntesten Songs: "Keinen Sechser in der Tasche …", "Vorwärts, und nie vergessen …", "Und weil der Mensch ein Mensch ist …" - vorgetragen mit markanter Stimme, elektrisierten diese Zeilen Hunderttausende.

Jochen Voit, stets Selbst- und Fremdkonstruktionen auf der Spur, macht hier und am Beispiel des Spanischen Bürgerkriegs klar, wie sich Eigensinn der Akteure und politische Instrumentalisierung durchdrangen. In Spanien war Busch keineswegs, wie später immer wieder kolportiert wurde, als Frontkämpfer in Uniform unterwegs, sondern als Truppenbetreuer in Maßanzug und Schal. Rechtzeitig war er aus Moskau nach Spanien gelangt und im Westen geblieben, während seine Freundin, die Schriftstellerin Maria Osten, dorthin zurückkehrte und 1942 erschossen wurde. Dazu schwieg Busch, noch lange nach 1945. Nach Haftjahren in deutschen Zuchthäusern gehörte er zur Kulturelite der DDR, baute den Musikverlag "Lied der Zeit" auf, wirkte als Hauptdarsteller in vielen Stücken Ost-Berliner Bühnen und gab ständig neue Platten heraus. Dies alles mal im Widerspruch zu Kulturfunktionären und zur SED-Führung, die ihm Westemigration und Formalismus vorwarfen, mal nicht, als er Stalin-Hymnen sang und die Ausweisung Biermanns verteidigte.

Am Beispiel Busch führt Voit mustergültig vor, wie Star-Images in einer Bewegung entstanden, die den Kapitalismus bekämpfte, aber sich modernster kulturindustrieller Methoden bediente. Ins Hintertreffen geriet sie, als sie als staatstragende Kraft versuchte, das Primat des Politischen gegen die Populärkultur durchzusetzen und in den 1950er-Jahren etwa das Unterhaltungsprogramm im Rundfunk zugunsten der Politik reduzierte. Der "Arbeitersänger" verlor an Durchschlagkraft, weil sein revolutionärer Gestus nicht mehr in die Zeit passte. Gegenüber den herrschenden Genossen mochte er sein ehedem so erfolgreiches Stilmittel der Satire nicht einsetzen, politisch wurde er affirmativ - doch wirklich leicht hatten es die DDR-Oberen mit ihm nie.

Aktueller und vielleicht populärer als in der DDR war Busch in seinen letzten Lebensjahren in der Bundesrepublik, wo er Seit an Seit mit Jimi Hendrix und Franz Josef Degenhardt zum Wegbegleiter der politischen Radikalisierung seit 1968 wurde. Eisler-Songs mit Busch am Mikrofon waren wieder gefragt, weil sie Authentizitätsbedürfnisse bedienten und eine Politisierung der Ästhetik vorantrieben. Dass auf denselben Plattentellern außerdem Rolling Stones, Doors und Udo Lindenberg kreisten, gehört dabei mit ins Bild.

Ganz auf der Höhe der zeitgeschichtlicher Forschung, ist Voits Buch nicht zuletzt eine brillante Studie über die Funktionsmechanismen von Populärkultur in den sich wandelnden politischen Kontexten des 20. Jahrhunderts. In gewisser Weise färbt dieser Gegenstand auch auf den Text ab, der "Pop" im Sinne von eingängig ist. Voit schreibt lebendig, gelegentlich an der Grenze zur Kolportage, doch "Propaganda" wird hier nicht geboten, sondern solide historische Recherche - eine ebenso einfühlsame wie kritische Annäherung an das Faszinosum Ernst Busch. So dekonstruiert, nimmt das Denkmal menschliche Züge an.

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