Anti-Atom- oder Antifa-Camp: Politisieren im Grünen

Hedonismus und Politik schließen einander aus? So ein Quatsch: Ein Festivalguide der Politcamps 2010.

Das Anti-Atom-Camp ist im wendländischen Gedelitz. Bild: ap

Warum sich beim Urlaubs-Fernflug mit Aschewolken rumärgern oder durch Musikfestivalschlamm waten, um sich in diesem Sommer zu amüsieren? Auch 2010 gibt es für Umweltbewegte, Linke oder einfach Zeltfanatiker einen ganzen Sack voller Politcamps. Die sonntaz stellt die fünf vielversprechendsten Festivals vor.

Das linke Camp zur rechten Zeit

Was da passiert: Neun Tage politischer Urlaub am Baggersee. Tagsüber wird auf Workshops über Rassismus, Feminismus, Grundeinkommen und Strafrecht diskutiert. "Gedankenmassage" nennen die Veranstalter das. Abends gibt es Filmvorführungen, Lagerfeuer-Singen - oder es wird einfach nur so gefeiert. Grillgut und sonstige Verpflegung liefert eine Volxküche.

Wo es ist: Gecampt wird direkt an einem See im Nationalpark Teutoburger Wald. Anreise per Bahn über Bad Driburg, dreißig Autominuten von Paderborn

Wer es macht: JungdemokratInnen/Junge Linke

Wann: 31. Juli bis 8. August

Politfaktor: hoch

Partyfaktor: hoch

Infos im Netz: www.linkessommercamp.de

Die Grundausrüstung: Kaum verzichtbar sind natürlich die vier kleinen Freunde des fleißigen Demonstranten: Flugi, Lauti, Spucki und Transpi. Nicht weil man die wirklich brauchen würde, ihr seid ja schön unter Gleichgesinnten auf der Wiese. Aber ohne ausreichend Agitiermaterial kann man sich ja schnell auch schon mal etwas nackt fühlen …

Das Dämmmaterial: Das Mitführen einer Marx-Engels-Gesamtausgabe kann auch nicht schaden. Klar ist das schwer. Aber womit sonst soll man das Zelt abdichten, wenn sturzbachartige Regenfälle einsetzen? Auch wenn es trocken bleibt, ist das Mitschleppen nicht umsonst: Wer heimlich im Zelt nachschlägt, kann am Lagerfeuer mit Original-Zitaten angeben.

Das Schwenkutensil: eine Deutschlandflagge. Gibt es derzeit preiswert überall im allgemeinen Schlaand-Taumel. Ganz wichtig: vor Anreise den gelben Streifen mit einer Schere entfernen.

Die Notration: Gummibärchen, Schoki und eine Bifi. So was gibt es in der Vokü nicht. Und irgendwann müssen ja auch die Veganer mal schlafen.

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Anti-Atom-Camp

Was da passiert: Nach dem Castor ist vor dem Castor: Mit Blockadetrainings, Workshops und Vorträgen werden die nächsten Proteste vorbereitet - und es gibt die Chance, die Mitstreiter aus der Anti-Atom-Bewegung persönlich kennen zu lernen und sich zu vernetzen. Und zwar nicht nur in Diskussionsrunden, sondern auch bei Partys, Konzerten oder Geländespielen. Weiterer Programmpunkt: gemeinsam ein mobiles Windrad bauen.

Wo es ist: bei Bauer Wiese im wendländischen Gedelitz. Das geplante Atommüllager Gorleben ist nur zwei Kilometer entfernt, Protestaktionen vor Ort können nicht ausgeschlossen werden

Wann: 7.-15. August

Wer es macht: die Granden der Anti-AKW-Bewegung: X-tausendmal quer und .ausgestrahlt

Politfaktor: sehr hoch

Partyfaktor: ausreichend

Infos im Netz: www.anti-atom-camp.de

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Ecotopia 2010

Was da passiert: Es wird getrommelt, Theater gespielt und diskutiert. Schließlich muss Nachhaltigkeit nicht immer eine staubtrockene Angelegenheit sein. Zusätzlich finden jede Menge praktische Workshops statt, in denen Komposttoiletten und Solarduschen gebaut oder aus Müll neue Alltagsgegenstände designt werden. Was das alles kostet? Kommt ganz drauf an - denn Ecotopia führt seine eigene Währung ein: den Eco. Wie hoch der Umtauschkurs ist, richtet sich nach dem monatlichen Einkommen des Tauschenden. Um das Camp möglichst interkulturell zu halten, laufen viele Veranstaltungen auf Englisch.

Wo es ist: im Nationalpark Hoher Fläming in Brandenburg. Anreise per Bahn über Wiesenburg/Mark, neunzig Kilometer von Berlin entfernt, der Zug hält quasi direkt am Camp

Wer es macht: eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Graswurzel-Aktivisten aus der Umweltszene. Mit dabei: Politkoch Wam Kat

Wann: 1.-21. August

Politfaktor: hoch

Partyfaktor: sehr hoch

Infos im Netz: www.ecotopia2010.org

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KlimaCamp

Was da passiert: Nur in der Hängematte baumeln wäre doch öde: Beim KlimaCamp wird auf Bäume geklettert, Aktionstheater gespielt, Car-Walking geübt und für den Einsatz in der Clownsarmee geprobt. Außerdem ist eine sechzig Kilometer lange Fahrraddemo rund ums Kohlebaggerloch geplant. Damit auch ordentlich gefeiert wird, ist das Camp klar gegliedert - in eine Willkommensparty, ein Bergfest und eine Abschlusssause.

Wo es ist: Gezeltet wird genau dort, wo der Klimawandel befördert wird - direkt am Braunkohletagebau Garzweiler. Anreise über Erkelenz-Borschemich (NRW)

Wer es macht: BUNDjugend

Wann: 21.-29.August

Politfaktor: hoch

Partyfaktor: sehr hoch

Infos im Netz: www.klimacamp2010.de

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Antifa-Camp Rheinland

Was da passiert: Krise, Gentrifizierung, Militarismus - die aktuelle Politik bietet jede Menge Diskussionsstoff für das Antifa-Sommercamp. Außerdem wird über Feminismus, Tierrechte und Castortransporte debattiert. Aber mitten im Sommer ist auch bei der Antifa nicht alles nur bierernst: Auf einer Bühne gibt es abends Filme, Feuershows, eine Elektroparty. Außerdem den vielversprechenden Programmpunkt "Punk/Hardcore/Gebrüll".

Wo es ist: Wo das Camp stattfindet, ist geheim - der genaue Ort wird Teilnehmern erst nach der Anmeldung verraten

Wer es macht: diverse Antifa-Gruppen aus NRW

Wann: 18.-22. August

Politfaktor: sehr hoch

Partyfaktor: krass

Infos im Netz: www.antifa-camp.de

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Euer Camp ist nicht dabei? Kündigt es doch einfach selber an - online auf www.bewegung.taz.de. Hier findet ihr auch noch viele andere Termine und Sommercamps.

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