Mexikanischer Schriftstellter Monsiváis ist tot: Asche auf den Zócalo

Es gibt kaum ein Thema des politischen, kulturellen oder alltäglichen Lebens in Mexiko, dem sich Carlos Monsiváis nicht gewidmet hat. Am Samstag starb er.

Der wohl einflussreichste zeitgenössische Publizist der mexikanischen Linken: Carlos Monsiváis . Bild: reuters

Noch vor wenigen Monaten war Carlos Monsiváis auf seine eigene Art optimistisch. "Angesichts meines Alters ist mein Gesundheitszustand perfekt, gehe ich aber davon aus, was ich gerne hätte, ist er eine Katastrophe", witzelte der 72-Jährige bei der Vorstellung seines Buches "Apocalipstick", einer Sammlung von Beiträgen über die vielen Gesichter seiner Heimat Mexiko-Stadt. Es war sein letztes großes Werk: Vergangenen Samstag starb der Journalist, Schriftsteller und Chronist an einer Atemwegserkrankung.

Monsiváis war der wohl einflussreichste zeitgenössische Publizist der mexikanischen Linken. Es fällt schwer, ein Thema des politischen, kulturellen oder alltäglichen Lebens in Mexiko zu finden, dem er sich nicht gewidmet hat. Er begann seine Karriere 1956 als Mitarbeiter diverser Zeitungen und des Senders Radio UNAM, 1966 veröffentlichte der Literatur-, Sprach- und Wirtschaftswissenschaftler bereits seine Anthologie "Die mexikanische Poesie des 20. Jahrhunderts". 22 Jahre später beschäftigte er sich in "Szenen der Scham und der Geilheit" mit dem Liebesleben der Mexikaner.

Konsequent zog Monsiváis gegen die autoritäre und korrupte Staatspartei PRI ins Gericht, selbst ein "68er", forderte er über Jahrzehnte die Aufklärung des Massakers, das Soldaten 1968 an Studenten angerichtet haben. Lange bevor die indigenen Rebellen vom zapatistischen Befreiungsheer EZLN 1994 mit einem Aufstand auf sich aufmerksam machten, beschäftigte er sich mit der Situation der mexikanischen Ureinwohner. Und er zählt zu den wenigen Journalisten, die den EZLN-Sprecher Subcomandante Marcos mehrmals persönlich interviewt haben. Freilich nicht, ohne seinen großen Respekt gegenüber den Aufständischen mit einer deutlichen Kritik etwa an deren Märtyrer-Inszenierungen zu verbinden. Das kam nicht überall gut an, genauso wenig wie seine kritische Haltung gegenüber dem kubanischen Regime und sein Bemühen, die Fehler der zusammengebrochenen sozialistischen Welt radikal aufzuarbeiten.

Monsiváis war nicht engstirnig, wenn es galt, seine Meinung auszudrücken. Das zeigt nicht zuletzt die Spannbreite der Medien, für die er arbeitete: seine oft mit beißendem Humor geschriebenen Essays und Kommentare sind in der konservativ-liberalen Tageszeitung Reforma ebenso zu lesen wie in der linken La Jornada. Er hinterlässt über ein Dutzend Bücher sowie unzählige Artikel in Zeitungen, von denen er einige selbst mit gegründet hat. Und es gibt keine Bühne in Mexiko-Stadt, auf der Monsiváis nicht zu hören war. Das gefiel ihm auch ganz gut, und wohl deshalb erklärte er einmal mit Blick auf den größten Platz und wichtigsten politischen Ort der Stadt: "Verteilt meine Asche auf dem Zócalo, damit ich mit einem mehr oder weniger zentralen Begräbnis protzen kann."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de