Die Wahrheit: Im Jahr des Tigers: Das Fussballorakel von Peking

Wegen des für Juni geplanten großen Christian-Y.-Schmidt-Porträts hat das Pekinger Fernsehen noch nicht wieder angerufen. Vielleicht diskutiert die Redaktion immer noch, wie sie mein Chinesischproblem löst.

Dafür wollte mich plötzlich CCTV News. Das ist ein halbwegs neuer Nachrichtenkanal des zentralen chinesischen Fernsehens, der CNN Paroli bieten soll. Selbstverständlich sagte ich sofort zu. Eine bessere Möglichkeit, meine China-Bücher weltbekannt zu machen, gibt es nicht. Zudem: Bei CCTV News wird Englisch gesprochen, eine Sprache, die ich wenigstens halbwegs beherrsche.

Erst nachdem ich zugesagt hatte, wurde mir klar, dass man mich in eine WM-Sendung eingeladen hatte. Nach dem Spiel Deutschland gegen Serbien sollte ich den Spielverlauf kommentieren. Nun bin ich der schlimmste Fußballignorant, den man sich denken kann. Selbst ein Molch versteht mehr von der Sache. Ich hatte auch bisher nur ein WM-Spiel gesehen, weil es dazu Freibier gab. Aber für den Absatz meiner Bücher würde ich selbst den Teufel rasieren. Außerdem hatte ich einen Tag, mich auf die Sendung vorzubereiten. In dieser Zeit versuchte ich, mir möglichst viel Fußballwissen anzueignen. Während ich die Namen und die Biografien aller deutschen Nationalspieler paukte, rief mich die Redakteurin wieder an. Sie war sich sicher, dass Deutschland gewinnen würde, und bat mich, im Studio dementsprechend ausgelassen zu sein und zu jubeln. Für Deutschland jubeln? Ich? Der einschlägig berüchtigte Halbchinese? Jetzt hatte ich richtig Angst.

Ich war dann sehr erleichtert, als die Serben siegten. Kurze Zeit später saß ich im Studio. Obwohl ich nicht mehr jubeln musste, war es die schlimmste halbe Stunde meines Lebens. Weil ich den Namen schon mal irgendwo gehört hatte, hatte ich vor der Sendung gelogen, mein Lieblingsspieler sei Miroslav Klose. Statt mich aber meinen auswendig gelernten Stoff zu Klose abzufragen, löcherte mich ein Gutelaunepanzer von Moderator mit Fragen zu einem mir völlig unbekannten Engländer namens Rob Green, dem wohl beim Spielen ein kleiner Patzer unterlaufen war. Er wollte auch was zum letzten Spiel der französischen Mannschaft wissen. Ich hatte nicht den Hauch eines Schimmers. Also murmelte ich: "Spiele unseres Erzfeindes kommentiere ich grundsätzlich nicht." Ich wette, das gibt noch diplomatische Verwicklungen.

Schließlich wurde ich gebeten, das Ergebnis der Partie England gegen Algerien zu tippen. Wieder war in meinem Kopf nur ein schwarzes Loch. England? Sind die gut? Und spielt man in Algerien nicht lieber Dschihad als Fußball? Ich entschied mich in meiner Not für: "Unentschieden." Die beiden Moderatoren tippten auf England. Wer aber beschreibt meine Verblüffung, als ich ein paar Stunden später erlebte, wie sich die Mannschaften 0:0 trennten. Seitdem nennt man mich das Fußballorakel von Peking. Und als solches sage ich hier jetzt auch den Weltmeister voraus: Das wird Argentinien. Ich habe läuten hören, dieser Maradona spiele ganz gut.

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