Kommentar Duisburgs Loveparade: Die Schleier lichten sich

Sechs Wochen nach der Katastrophe von Duisburg will noch immer keiner schuld sein. Dabei sind die wichtigsten Fehler schon zutage getreten. Eine vorläufige Bilanz.

Nicht genehmigungsfähig: Der tödliche Engpass der Loveparade. Bild: dpa

Auf die Tragödie folgt die Farce. Sechs Wochen ist es nun her, dass in Duisburg bei der Loveparade 21 junge Menschen zu Tode gedrückt und getreten wurden. Seit dem Tag der Katastrophe müssen ihre Angehörigen ein jämmerliches Schauspiel über sich ergehen lassen. Bis heute will niemand für das schreckliche Geschehen die Verantwortung übernehmen.

Veranstalter, Stadt und Polizei schieben sich stattdessen gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Statt Aufklärung zu betreiben, wird nur nach Beweisen zur eigenen Entlastung gesucht. Auch auf der mehr als sechsstündigen Sitzung des Innenausschusses des nordrhein-westfälischen Landtags am Donnerstag wurde dieses schäbige Stück gespielt. Seine Mandanten seien fassungslos und angewidert, konstatiert der Opferanwalt und frühere Bundesinnenminister Gerhart R. Baum. Damit stehen sie nicht alleine. Denn es ist ja nicht so, dass die Ursachen für das Unglück immer noch völlig im Nebel lägen. Die Schleier lichten sich.

So steht inzwischen fest, dass der Veranstalter Lopavent das Partygelände zu spät geöffnet hat. Auch wenn strittig ist, wer hier hätte überprüfen müssen: Dass Sicherheitsauflagen nicht eingehalten wurden, ist zumindest erwiesen. So beseitigte der Veranstalter Zäune auf der Zugangsrampe zu dem ehemaligen Güterbahnhof nicht und schränkte dadurch Wege ein. An Zugangsschleusen fehlten überdies Ordner. Das führte bereits zu Beginn zu massiven Problemen mit der Besuchermenge.

Außerdem versagte das Pusher-Konzept zur Verteilung der Besucher. Das Mitziehen der Raver durch die "Floats" genannten Musik-Lkws klappte nicht. Das trug zu einer "Pfropfenbildung" am Eingang bei. Als sich die Situation im Zugangsbereich zuspitzte, waren die eingesetzten Ordner völlig überfordert. Auch drei Polizeiketten konnten nicht für Entspannung sorgen. Stattdessen führten sie letztlich zur Eskalation. Bekannt ist inzwischen ebenfalls, dass in der entscheidenden Zeit die Kommunikation zwischen den Verantwortlichen der Stadt, dem Veranstalter und der Polizei nicht funktionierte.

Fest steht auch, dass es nie und nimmer nur einen Zu- und Ausgang für die auf eine viertel Million Teilnehmer ausgelegte Veranstaltung hätte geben dürfen. Da hilft der Stadt Duisburg auch kein kostspieliges Gutachten, mit dem sie versucht, sich zu exkulpieren. Denn es mag ja sogar sein, dass die zuständigen Behörden formaljuristisch korrekt gehandelt haben, als sie dieses aberwitzige Konzept genehmigten. Aber deswegen handelten sie trotzdem noch nicht richtig.

Es ist nur noch zynisch, wenn die Duisburger Stadtspitze behauptet, der Vorwurf, die genehmigte Besucherführung wäre nicht geeignet gewesen, sei "nicht durch Tatsachen belegt". Das trifft auch auf deren Behauptung zu, gesonderte bauliche Prüfungen der Rampe und des Tunnels seien nicht erforderlich gewesen, "da die Bauaufsicht dort keine Gefahr vermuten musste".

Das Agieren der Duisburger Stadtspitze dokumentiert in erschreckender Weise, wie sehr es ihr an empathischer Kompetenz mangelt. Alleine das würde schon als Grund für einen Rücktritt ausreichen.

Doch stattdessen ergeht sich Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland in Selbstmitleid - als sei er das Opfer, nicht die vielen Toten und die mehr als 500 Verletzten. Eisern klammert er sich an seinen Posten, unterstützt von seiner Partei, aber erschreckenderweise auch von der Spitze der grünen Ratsfraktion in Duisburg und dem grünen Stadtdirektor Peter Greulich.

Der hielt es erst fünf Tage nach der Katastrophe für nötig, aus seinem Urlaub zurückzukehren. Jetzt ist er Sauerlands engster Verbündeter im Kampf gegen die Realität. So wird der Abwahlantrag gegen Sauerland am kommenden Montag im Stadtrat wohl an einer Mischung aus persönlicher Loyalität und politischem Opportunismus scheitern. Man kann es auch Opferverhöhnung nennen.

Nun ruhen alle Hoffnungen auf den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Doch allzu hoch sollten die Erwartungen nicht sein. Die Beweisführung konkreter Schuld wird nicht einfach werden. So wie bei der fürchterlichen Brandkatastrophe der Gletscherbahn in Kaprun im November 2000. Bei der größten Katastrophe in Österreich seit dem Zweiten Weltkrieg starben 155 Menschen. Die Strafprozesse endeten mit Freisprüchen.

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Jahrgang 1966. Arbeitet seit 2014 als Redakteur im Inlandsressort der taz. Zuvor fünfzehn Jahre taz-Korrespondent für Nordrhein-Westfalen. Mehrere Buchveröffentlichungen (u.a. „Endstation Rücktritt!? Warum deutsche Politiker einpacken“, Bouvier Verlag, 2011).

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