Sparkurs im Kulturbetrieb: Hamburger Intendant wirft hin

Der Hamburger Schauspielhaus-Intendant Friedrich Schirmer tritt zurück - weil er sein Theater für heillos unterfinanziert hält. Dabei sieht es anderswo kaum besser aus.

Ihm reicht's - Schirmer tritt zurück. Bild: dpa

Am 15. September 1900 eröffnete das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg mit Goethes "Iphigenie auf Tauris". Fast auf den Tag genau 110 Jahre später gab Friedrich Schirmer, seit 2005 dort Intendant, seinen Rücktritt bekannt: Die Unterfinanzierung des Theaters, nicht eingehaltene Zusagen zur Erhöhung der Mittel und eine Kürzung der bisherigen Zuschüsse um 330.000 Euro sind der Grund. Mit diesem Wirtschaftsplan für die Spielzeit 2010/2011 könne er die Leitung des Theaters nicht länger verantworten, begründete Schirmer seine Entscheidung.

Das Schauspielhaus Hamburg ist ein großes Theater: Nicht nur, weil es mit fast 1.500 Plätzen als das größte deutsche Sprechtheater gilt, sondern vor allem, weil hier seit den 70er Jahren mehrere Generationen von Regisseuren groß werden konnten, die das Theater geprägt haben. In Hamburg schafften es die Regisseure Claus Peymann, Luc Bondy und Peter Zadek, nach der Ära von Gustav Gründgens moderne Autoren zu etablieren und ein junges Publikum anzuziehen. Frank Baumbauer, Intendant von 1993 bis 2000, galt als Geburtshelfer neuer Theatersprachen, wie denen von Christoph Marthaler, Frank Castorf und Christoph Schlingensief. Ein Ruf, der für das Deutsche Schauspielhaus zwar in den letzten zehn Jahren nicht immer zu halten war, um den aber auch Friedrich Schirmer sich mühte.

Sein Rücktritt ist ein alarmierendes Signal, nicht nur für Hamburg, sondern für die deutsche Theaterlandschaft. Denn die Hansestadt ist ja längst nicht die Einzige, die bei den Kommunalausgaben auch an der Kultur spart. Das Theater in Oberhausen soll ab 2011 mit einer Million weniger im Jahr auskommen, in Essen sollen sieben Millionen bis 2013 gespart werden, und das, obwohl sich in beiden Städten die Theater im Aufwind und in der Verjüngung befinden. In Wuppertal und Moers, zwei weiteren hochverschuldeten Städten im Ruhrgebiet, stehen sogar Schließungen der Theater an.

Es wird noch dicker kommen: Denn diese Zahlen gehen auf Haushalte vor den neu beschlossenen Steuererleichterungen zurück, die für die Städte weitere Einbußen bedeuten. Verglichen mit den Problemen etwa der Ruhrgebietsstädte wirkt die Unterfinanzierung in Hamburg überschaubar.

Die Nachricht von Friedrich Schirmers kurzfristigem Rücktritt, schon zum 30. September, hat unter seinen Kollegen nicht nur Bestürzung, sondern auch Erstaunen ausgelöst. Warum kämpft er nicht weiter? "Das ist für ein Haus eigentlich eine Katastrophe, zumal ja davon auszugehen ist, dass auch zum Ende der Spielzeit kein neuer Intendant zu finden ist für das Deutsche Schauspielhaus", urteilte Ulrich Khuon, jetzt am Deutschen Theater in Berlin und zuvor lange Intendant am Thalia-Theater Hamburg. "Er hat die Nerven verloren", schätzt Schirmers Vorgänger Frank Baumbauer. Denn die Auseinandersetzung um die Theaterfinanzen sei doch ein Teil des Berufs, mit dem man umgehen können müsse.

Ja, eben. Seit mindestens fünfzehn Jahren sind Einsparungen im Theater ein Dauerthema. Rolf Bolwin, Direktor des Deutschen Bühnenvereins, weiß, dass viele Theater sich in diesen Jahren dem Finanzdruck angepasst und verändert haben und unter anderem 6.500 Stellen in den Theatern abbauten. Für Intendanten ist es Alltag, im Stadtparlament ihren Betrieb zu erklären, agitieren und verteidigen zu müssen. "Das zermürbt", sagt Bollwin. "Die eigentliche Arbeit der künstlerischen Leitung wird durch die ständige Diskussion über Geld angegriffen." Dass man davon irgendwann die Nase voll habe, sei zu verstehen.

In Hamburg kam etwas hinzu, was auch viele andere Spielstätten in Deutschland betrifft: Kein anderes Land hat eine so große Dichte an Stadttheatern, oft mit einer hundertjährigen oder noch längeren Tradition. Und damit auch einen großen Bestand an historischen, städtebaulich prägenden und ziemlich oft überholungsbedürftigen Bauten. In Hamburg wurde die Sanierung der Bühnenmaschinerie gerade um ein Jahr verschoben, in Berlin stritten Land und Bund lange über die Finanzierung der Sanierung der Staatsoper, in Köln wurde der Abriss des Schauspielhauses anscheinend gerade noch abgebogen und auf Sanierung statt Neubau gesetzt: Jenseits der Betriebskosten kommt damit ein Geldbedarf auf die Städte zu, vor dem sie gerne die Augen verschließen würden, aber nicht können.

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