die wahrheit: Der Ersatzstoffel

Fernsehen: Jörg Pilawa ist zurück. Der Moderator quizzt nun im ZDF. Verbraucherschützer warnen: Imitate gefährden die Gesundheit.

Was dürfen Konsumenten eigentlich noch unbedenklich genießen? Nach Frostschutzmitteln im Wein und Teer in Zigaretten folgt nun ein neuer Skandal. Eine aktuelle Studie der Bundesverbraucherzentrale stellt fest: Fast ein Drittel, exakt 31 Prozent, aller Hörfunk- und Fernsehmoderatoren in Deutschland sind gar keine Moderatoren.

Es handele sich vielmehr um raffinierte Imitationen, hergestellt aus zerkleinerten Fleischresten - sogenanntem Knochenputz -, die mit Bindegewebe, Dickungsmitteln und Wasser zu einer geschmeidigen, formbaren Masse verarbeitet würden. Nach außen wirke das Imitat täuschend echt, "für den Laien praktisch nicht zu erkennen", sagt Biochemiker Hugo Müller-Stadtliebe, der an der Studie mitgewirkt hat. Diese "Analogmoderatoren" wiesen die Verbraucherschützer in nahezu allen Rundfunkstationen der Republik nach. Besonders prekär sei die Lage bei den öffentlich-rechtlichen Sendern.

Aufgrund der herrschenden Sparzwänge gebe es jedoch keine Alternative zu solch "unkonventionellen Lösungen", erläutert ein Intendant, der namentlich nicht genannt werden will. Andernfalls sei man "nicht mehr konkurrenzfähig". Schließlich seien die Imitate bei der Herstellung und Haltung um rund 40 Prozent günstiger als herkömmliche Moderatoren.

Ein Argument, das Sven Glotz von der Konsumentenschutzorganisation Watchwatch nicht gelten lassen will: "Die Sender sparen, indem sie minderwertige Zutaten vermengen. Das kennen wir ja schon. Jetzt fälschen sie aber auch diejenigen, denen die Zuschauer noch vertrauen", empört sich Glotz. "Wir haben ein Recht darauf zu erfahren, wer die Betrüger sind."

Bislang hält sich die Verbraucherzentrale allerdings mit der Nennung von Namen noch weitgehend zurück - bekannt wurde zumindest so viel: Auslöser der Studie sei ein Hinweis des Instituts Fresenius gewesen, der anonym bei der Verbraucherzentrale eingegangen sei. Die dortigen Wissenschaftler prüften unter anderem regelmäßig die Produkte des Fleisch- und Wurstwarenherstellers Rügenwalder Mühle.

Bei einer Standardkontrolle habe man versehentlich auch TV-Moderator Jörg Pilawa unter die Lupe genommen, den populären Werbeträger des Unternehmens. Dieser habe "eine auffallend gummiartige, elastische Konsistenz" aufgewiesen und sich in "Aussehen, Geruch und Geschmack" kaum von den Waren - zum Beispiel dem "Schinkenspicker" - unterschieden, für die er im Fernsehen Reklame mache. "Das hat uns dann schon misstrauisch gemacht", sagt Müller-Stadtliebe.

Weitere Recherchen hätten "ein ganzes Netz" ähnlicher Fälle aufgedeckt - vom Verkehrsnachrichtenansager im Hörfunk bis zum Showmaster von Koch- oder Quizsendungen. Dass ausgerechnet der Fall des "beliebten" Pilawas an die Öffentlichkeit gelangt sei, habe man nicht beabsichtigt. "Ich habe den ja auch selbst immer so gern gesehen", gesteht Müller-Stadtliebe.

Kurz vor Pilawas Debüt bei seinem neuen Arbeitgeber denke dieser nun über mögliche Konsequenzen nach. Dafür ist es höchste Zeit, denn die neue von Pilawa moderierte ZDF-Show "Rette die Million" soll am heutigen Mittwoch starten. Da die ARD ihnen aber offenbar "unter Vorspiegelung falscher Tatsachen" den Moderator "überlassen" habe, sehe sich der Mainzer Sender gezwungen, Schadenersatz zu verlangen.

"Wir nehmen uns sozusagen den Namen der eigenen Sendung zum Vorbild", sagt ein Sprecher. Zudem sei man in der Pflicht, "die Zuschauer über die aktuellen Entwicklungen ausreichend zu informieren". Man denke an eine Art Laufband, das während der gesamten Sendezeit eingeblendet und auf dem die Bestandteile Pilawas in Balkendiagrammen aufgeführt werden sollen: Fleischanteil, Stabilisatoren, Bindemittel etc.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) begrüßt das Vorhaben. Sie kündigt an, selbst härter gegen die Schummelei vorgehen zu wollen. Aigner plädiert für eine Kennzeichnungspflicht von Moderatoren: "Wo zum Beispiel ,Kai Pflaume' draufsteht, muss auch Pflaume drin sein." Zusätze wie "mit Pflaumenaroma" oder "mit Pflaume verfeinert" dürften künftig nicht mehr gelten, präzisiert die Ministerin.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) trug unterdessen zur Beruhigung bei: Man müsse nicht von einer unmittelbaren Gesundheitsgefährdung der Fernsehkonsumenten ausgehen, erklärt Sprecherin Karin Tiefenstapler. Möglich seien lediglich Symptome wie leichte Übelkeit oder ein vorübergehendes Schwindelgefühl. Doch daran, so Tiefenstapler, seien ZDF-Zuschauer ja ohnehin gewöhnt.

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kari

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