Kolumne Fernsehen: "Wird er jemals wieder glücklich?"

Das Verhalten mancher Kollegen im Falle des Moderators Jörg Kachelmann wider mich an.

Ein Urteil im Vergewaltigungsprozess gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann wird zwar erst für den 21. Dezember erwartet, aber eigentlich ist es längst gesprochen. Kachelmann wird bis ans Ende seiner Tage der Mann bleiben, der die Radiomoderatorin Sabine W. mit Gewalt zum Sex gezwungen haben soll - ob er nun schuldig ist oder nicht. Dieser Makel wird haften bleiben, sein Leben bestimmen.

Am Mittwoch erklärte Kachelmann via Bild (wohl als Dankeschön für die durchweg faire Berichterstattung - hüstel) seine Fernsehkarriere für beendet: "Ich werde nach all dem keine Wettersendungen mehr moderieren können. Nachdem Staatsanwaltschaft und Medien mein angebliches Privatleben gewaltsam öffentlich gemacht haben, wärs mit dem Blumenkohlwolken-Onkel wohl schwierig. Das Kapitel Fernsehen ist dadurch für mich beendet worden."

Welche "Medien" er wohl meint? Bild jedenfalls fühlt sich nicht angesprochen.

Die Nachrichtenagentur epd tickerte daraufhin "Kachelmann will keine Wetter-Sendungen mehr moderieren" - als handelte es sich um einen Rückzug aus freien Stücken. Gehts noch absurder? Selbst wenn der 52-Jährige weiter im Fernsehen auftreten wollte, würde man ihn nicht mehr lassen, selbst nicht bei 9Live - wobei, vielleicht da noch, nach einer Karenzzeit, aber sonst nirgendwo. Seine TV-Karriere ist, wie Kachelmann es selbst zutreffend formuliert, "beendet worden". Mit freiem Willen hat das nichts zu tun.

Ich muss in letzter Zeit immer wieder an Andreas Türck denken. Auch er war Fernsehmoderator, bis ein Vergewaltigungsvorwurf seine Bildschirmpräsenz 2004 abrupt beendete. Dafür war er fortan Dauergast auf der Titelseite von Bild: "Protokoll der Sex-Nacht", "Die Sex-Akte Türck", "So hat Türck mich vergewaltigt" - Chronik einer Vorverurteilung. Als Türck schließlich im September 2005 freigesprochen wurde, titelte Bild "Sieger Türck" und trat noch mal nach. "Aber wird er jemals wieder glücklich?"

Türck, der sich nach dem Prozess komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, lebt heute als Produzent von Web-TV-Formaten in Hamburg - und das hoffentlich glücklich! Alles andere wäre ein Triumph, den die "Kollegen" in ihrer Infamie nicht verdient haben.

Ich weiß nicht, ob Türck und Kachelmann sympathische Zeitgenossen sind, kenne keinen von ihnen persönlich, aber ich weiß, dass man so mit Menschen nicht umgeht. Das mag naiv klingen, aber wenn Empörung über derart abstoßenden Affektjournalismus naiv klingt, nehme ich das gern in Kauf. "Die junge Kellnerin fixiert ihn, während sie das Essen serviert", schreibt Martin Heidemanns in Bild über sein Treffen mit Kachelmann. "Früher hätte Kachelmann die junge Dame wohl spätestens zum Nachtisch nach ihrer Telefonnummer gefragt." Und dann gleich vernascht - das schreibt Heidemanns zwar nicht, insinuiert es aber. Und selbst wenn: Was geht ihn das an?!

"Ich werde noch viele Menschen um Verzeihung bitten müssen", sagt Kachelmann in Bild. Das zeugt von Anstand, den eine solche Berichterstattung über ihn vermissen lässt.

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