Vergangenheitsbewältigung der Hamburger Polizei: "Rückschritt in der Aufarbeitung"

Auch Hamburgs Polizei war während des Dritten Reichs fest in den Herrschaftsapparat eingebunden. Das geplante Polizeimuseum blendet diese brisante Zeit allerdings aus. Dabei sei die Forschung schon weiter, sagen die Historiker Jürgen Matthäus und Frank Bajohr.

Willige Helfer: deutsche Ordnungspolizei im polnischen Luków. Die Aufnahme entstand wohl im Herbst 1942 während der Räumung des Hauptghettos. Bild: Gedenkstätte Yad Vashem

taz: Herr Bajohr, steht das Konzept des Hamburger Polizeimuseums in einer Tradition der Verharmlosung?

Frank Bajohr: Die Polizei hat ihre Rolle während des "Dritten Reichs" nach 1945 in der Tat lange beschönigt. Das änderte sich aber in den 80er Jahren. Deshalb wundere ich mich, dass dies im Museumskonzept nicht benannt wird.

Seit wann setzt sich die Polizei mit ihrer Vergangenheit auseinander?

Jürgen Matthäus: Was die Gestapo angeht, die als Schlüsselinstitution des NS-Terrorapparats angesehen wurde, früh; für die Ordnungspolizei, zu denen die Polizeibataillone gehörten, sehr spät.

Bajohr: Hamburg hat in der historischen Aufarbeitung eine gewisse Vorreiterrolle eingenommen. 1987 veröffentlichte eine Forschergruppe der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (HWP) eine Studie über die Hamburger Polizei, in der die Verbrechen der Polizeibataillone knapp dargestellt wurden. Es dauerte jedoch lange, bis das Selbstbild der "Ehemaligen", unpolitische Hüter von Recht und Ordnung gewesen zu sein, von der Polizei selbst in Frage gestellt wurde. Vor allem Wolfgang Kopitzsch hat sich dabei als ehemaliger pädagogischer Leiter der Landespolizeischule große Verdienste erworben.

Die Konzeption des Hamburger Museums fällt hinter die Aufarbeitungsbemühungen der Polizei zurück?

Frank Bajohr, 49, ist Historiker an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und Privatdozent am Historischen Seminar der Universität Hamburg. Derzeit ist er außerdem Fellow am US Holocaust Memorial Museum, Washington, DC.

Jürgen Matthäus, 51, ist derzeit Leiter der Forschungsabteilung am Center for Advanced Holocaust Studies des U.S. Holocaust Memorial Museum, Washington, DC. Er hat den Band "Einsatzgruppen in Polen. Darstellung und Dokumentation" veröffentlicht.

Bajohr: Ja.

Wolfgang Schulte, Historiker der Deutschen Hochschule der Polizei, sagt, dass das "willige Vollstrecken" der Beamten jenseits der Forschung kaum bekannt sei.

Matthäus: Das ist leider so: Fachhistoriker haben sich daran gewöhnt, dass die Ergebnisse ihrer Arbeit in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden.

Bajohr: Ich bin da etwas optimistischer. In den 90er Jahren haben die Bücher von Christopher Browning und Daniel Jonah Goldhagen, die sich nicht zuletzt intensiv mit dem Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 beschäftigen, ein Millionenpublikum gefunden. Das ist hoffentlich nicht nur Schall und Rauch gewesen.

Browning sagt, dass ganz normale Männer zu Mördern wurden.

Matthäus: In dieser Frage gehen die Meinungen auseinander. Klar ist, dass nur eine kleine Minderheit als pathologische Mörder mit entsprechender Disposition anzusprechen ist. Die Mehrzahl der an den Morden beteiligten Männer machte aufgrund einer Mischung aus Gruppendruck, Indoktrinierung, Opportunismus, Judenfeindschaft und Abstumpfung mit.

Es heißt, nur zwölf von 500 Männern der Einheit hätten sich geweigert mitzumachen.

Bajohr: Die Männer bewegten sich unter Kriegsbedingungen in einem militärähnlichen Verband. Das muss man berücksichtigen. Wer nicht mitmachen wollte, hatte allerdings keine lebensbedrohlichen Konsequenzen zu erwarten. Nicht einmal einen Karriereknick.

Die Polizeibataillone sollen in Polen mindestens 520.000 Menschen ermordet haben.

Bajohr: Diese Zahl stammt von Stefan Klemp, der die Akten zu mehr als 50 Polizeieinheiten ausgewertet hat. Das Hamburger Bataillon 101 hat zwischen 1942 und Anfang 1944 im Gebiet Lublin mindestens 38.000 Juden erschossen und 45.200 deportiert.

Matthäus: Auch die Bataillone 102, 103 und 104 waren 1939/40 in Polen an Geiselerschießungen und Hinrichtungen beteiligt. Hier allerdings muss, wie für die meisten der über 125 Polizeibataillone, die Geschichte noch aufgearbeitet werden.

Während der Nürnberger Prozesse lagen aber schon Beweise vor.

Matthäus: Die Erwartung, man hätte unmittelbar nach Kriegsende den Verbrechenskomplex umfassend aufrollen können, verkennt die damaligen Schwierigkeiten. Es dauerte bis in die 60er Jahre, ehe die Strafverfolgung von Polizeibataillonen begann. Die Widerstände waren auch dann noch massiv: Von den 75 Ermittlungsverfahren gegen Polizeibataillone in Nordrhein-Westfalen endeten über 80 Prozent mit einer Einstellung des Verfahrens.

Wie verliefen die Karrieren der Beteiligten nach 1945?

Bajohr: Die personelle Kontinuität war enorm. Auf diese Weise konnten viele Polizisten ihre eigene Strafverfolgung und die ihrer "Kameraden" aktiv hintertreiben. Zwei ehemalige Kompanieführer des Bataillons 101 dienten nach 1945 als Polizeihauptkommissare in Hamburg, bevor sie in den 60er Jahren verurteilt wurden. Das Gros der Bataillonsangehörigen ging straffrei aus.

Bietet die Ausstellung für Hamburg die Chance zur Aufarbeitung?

Matthäus: Das wäre wünschenswert. Wie insgesamt im Umgang mit der NS-Geschichte ist es mit gelegentlichen, medial hochgekochten Betroffenheits-Aufwallungen nicht getan.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben