Hamburger Fußball-Derby: St. Paulis historischer Sieg

Erstmals seit über 33 Jahren besiegt der FC St. Pauli seinen Stadtrivalen Hamburger SV - in dessen Stadion. Dabei wurden Helden geboren, auch dank eines skurrilen Trainer-Kniffs.

Derby-Sieger: Die St. Pauli-Spieller konnten ihr Glück kaum fassen. Bild: dpa

HAMBURG taz | Wenn am Mittwochabend in der Sylvesterallee "St. Pauli"-Sprechchöre zu hören sind, dann ist was schief gegangen in Hamburg. Und zwar so schief, wie es nicht einmal in jeder Generation passiert. 1977 hatte der FC St. Pauli das letzte Mal beim HSV gewonnen. Am Mittwoch war es wieder so weit: Mit 1:0 gewann die Mannschaft die Mannschaft von Holger Stanislawski das vertagte Hamburger Derby.

"Dass die jetzt hier im Stadion feiern – da könnt ich kotzen", sagte HSV-Sportchef Bastian Reinhardt. Sein Gegenüber Helmut Schulte dagegen sprach von seinem "schönsten Hamburger Fußballtag aller Zeiten". Und Schulte hat auf St. Pauli schon einiges erlebt, wurde zum Volkshelden, als er den Club in die erste Liga führte.

Nun haben sie gleich zwei neue Volkshelden. Der eine ist Gerald Asamoah, der diesen Status mit seinem abgebrühten Kopfballtor nur noch bestätigte. Schließlich haben ihn quasi die Fans von Schalke zum FC St. Pauli geholt, indem sie ihn bei einem Freundschaftsspiel im vergangenen Sommer vehement gefordert hatten. "Wir machen jetzt nur noch, was die Fans wollen", hatte Sportchef Helmut Schulte schon am vergangenen Wochenende nach Asamoahs starkem Auftritt gegen Borussia Mönchengladbach geflachst.

Asamoah zeigt seit Wochen, wie wertvoll er für den FC St. Pauli ist: Seit Sturm-Alleinunterhalter Marius Ebbers sich verletzte, spielt der 32-jährige Asamoah im Sturmzentrum die Rolle seines Lebens: Er erobert und hält Bälle, spielt genaue Vorlagen und trifft selbst fast in jedem Spiel. Das hatte sich auch bis zum HSV herumgesprochen: Die Hamburger beharkten den bulligen Stürmer von der ersten Minute an unbarmherzig, bekamen ihn aber nicht in den Griff.

Der zweite, wirklich ganz neue Volksheld auf St. Pauli ist einer, mit dem nun wirklich keiner gerechnet hatte, rechnen konnte. Wer war dieser Hüne mit dem Babyface und dem "Derbysieg"-Aufdruck auf dem T-Shirt, dem Asamoah nach dem Spiel zärtlich den Kopf tätschelte und mit der ihm eigenen Bescheidenheit sagte: "Unser Held." Benedikt Pliquett, vor den Toren Hamburgs geboren, ist seit sieben Jahren mal zweiter, mal dritter Torwart auf dem Kiez. Eine taktische Finte? Eine disziplinarische Maßnahme gegen Stammtorhüter Thomas Kessler? Und was ist eigentlich mit Aufstiegstorwart Matthias Hain?

Holger Stanislawski hatte eine Erklärung: "Ich kann den Jungs nicht über Jahre immer sagen: du gehörst zum Team. Ich muss ihnen das auch mal zeigen", sagte er. "Das war Benes Spiel." Schon in der Winterpause hatte er Pliquett sein erstes Bundesliga-Spiel versprochen – das Derby. "Er hat über Jahre hinweg sehr konzentriert gearbeitet, ist St. Paulianer durch und durch, er musste oft verzichten – und wir wollten testen, ob er dem Druck standhält", erklärte Stanislawski seine Motive. "Ich bin froh, dass er ein Garant dafür war, dass wir hier gewonnen haben."

Eine riskante Sache, denn der HSV lieferte vom Anpfiff weg ein berauschendes Angriffsspiel, hatte Chancen über Chancen. St, Pauli schwamm hinten eine gute Viertelstunde lang, und nach vorn kam kaum ein Pass an. Als Pliquett unter einer Ecke hindurchtauchte, machten sich die Ersten Sorgen um den Geisteszustand von Holger Stanislawski.

Aber der 1,99-Meter-Hüne Pliquett wankte nicht. Im Gegenteil: Mit einem erstaunlichen Fußreflex entschärfte er nach 57 Minuten einen Schuss von Joris Mathijsen aus kurzer Distanz, hielt sein Team damit in einer Drangphase des HSV im Spiel - die Schlüsselszene. Zwei Minuten später faustete HSV-Torwart Frank Rost eine Flanke zur Ecke. Die kam von Max Kruse eigentlich suboptimal, fand aber über Fabian Bolls Stiefelspitze ihren Weg zum Torschützen Asamoah.

Danach befiel den HSV wieder diese seltsame Mutlosigkeit, ja fast Depression, die nach Rückständen in letzter Zeit häufig zu diagnostizieren ist. Nichts mehr von der Dominanz der ersten Stunde, keine Ideen. Am Ende musste der HSV froh sein, dass St. Pauli seine Konter zu schlampig ausspielte und eine höhere Führung verpasste – und das bei einer Torschussbilanz von 24:5 für den HSV. Trainer Armin Veh haderte vor allem mit der Chancenverwertung seiner Mannschaft. "Wir müssen jetzt wieder aufstehen", sagte er. "Man kann ja auch aus Negativem was Positives ziehen." Es klang nicht, als glaube er daran.

Pliquett war nicht mehr zu halten nach dem Spiel. "Mich haben sie ja hier vom Hof gejagt", brüllte der ehemalige Jugendspieler des HSV in die Mikrofone. Was seine Zuneigung zum FC St. Pauli vielleicht ebenso erklären hilft, wie dass er und eine Gruppe Fans vor wenigen Monaten bei der Rückkehr von einer Auswärtsfahrt von HSV-Hooligans mit Eisenstangen angegriffen wurde. "Ich lieben diesen Verein, habe so viel mit ihm durchgemacht", sagte er. Stimmt: Sein letztes Derby hatte er am 28. Mai 2006 gespielt. In der Regionalliga Nord, gegen den HSV II. Auch damals hatten sie lange 1:0 geführt. Bis Pliquett in der 88. Minute den Ausgleich kassierte.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben