Norwegens "taz"

Aktualisiert wird nicht!

Klares linksalternatives Profil und ein überlegter Internetboykott. Damit gewinnt die norwegische Zeitung "Klassekampen" (Klassenkampf) immer mehr Leser.

Lesen bildet. Für die Leser von "Klassekampen" bedeutet das: ab zum Kiosk. Bild: photocase/kallejipp

Düstere Lektüre für die norwegische Zeitungsbranche: Die Auflagenzahlen sind auch 2010 gesunken. Nur ein Blatt wächst und wächst und wächst: Es ist die der taz vergleichbare Zeitung Klassekampen ("Klassenkampf").

Während die Auflagen durchschnittlich um 3,5 Prozent zurückgingen und das Boulevardblatt VG sogar mehr als 10 Prozent verlor, hat die Klassekampen-Auflage um weitere 8,5 Prozent zugelegt - sich damit seit 2002 glatt verdoppelt. 14.400 Exemplare täglich klingt zwar nicht besonders hoch, ist bei nur knapp 5 Millionen Einwohnern aber beachtlich. Umgerechnet auf die Einwohnerzahl in Deutschland entspräche das 220.000 Exemplaren.

Der Name Klassekampen ist dem Ursprung als "marxistisch-leninistische Arbeiterzeitung" geschuldet, als die das Blatt 1969 gegründet wurde. Bis zur Jahrtausendwende stand die Zeitung mehrfach am Rande des finanziellen Ruins. Doch dann trennte sie sich von der norwegischen KP "Arbeidernes Kommunistparti", unter deren Fuchtel sie bis dahin gestanden hatte. Seitdem geht es bergauf wie bei keiner anderen norwegischen Zeitung.

Das Erfolgskonzept: eine eigene Themensetzung, breiter Raum für Analysen - und ein äußerst restriktives Angebot im Internet. Für Chefredakteur Bjørgulv Braanen liegt der Erfolg klar in der Verweigerung der "Netzrevolution": Sonst politisch eher offen für jede Art von Revolution, hat Klassekampen sich dieser einen ganz bewusst verschlossen. Unter der Adresse www.klassekampen.no werden pro Tag gerade einmal vier Texte online gestellt - je einer aus den Ressorts Inland, Ausland, Kultur und Meinung. Aktualisiert wird nicht.

Auch das Online-Archiv enthält nur diese bereits veröffentlichten Texte. Solange es kein funktionierendes Bezahlmodell im Internet gibt, soll es dabei auch bleiben: "Wer uns lesen will, muss uns kaufen", so Braanen. "Wir stemmen uns gegen die Kannibalisierung im Netz", sagt auch Trygve Hegnar von Wirtschaftsblatt Finanzavisen, einer weiteren Auflagengewinnerin im norwegischen Zeitungsmarkt, die exklusives Material ihrer Papierausgabe vorbehält.

"Das Netz ist nicht der einzige Faktor für Wachstum oder Schrumpfen der Printauflagen", sagt der Medienforscher Johann Roppen, die Sache sei schon etwas komplexer. Doch gerade bei "Nischenzeitungen" wie Klassekampen und Finanzavisen sei die Zurückhaltung im Internet bislang eine durchaus richtige Strategie: "Sie haben damit einen Inhalt, den es nur in ihrer Papierausgabe und sonst nirgends gibt. Und solchen Inhalt muss man ja nicht unbedingt gratis verbreiten." Je allgemeiner und populärer der Inhalt einer Zeitung sei, desto leichter sei es, den gleichen Stoff auch woanders im Netz zu finden. Was laut Roppen auch erklärt, warum Lokalzeitungen sich gegenüber überregionalen Titeln besser behaupten können.

Auch wenn sich die "intellektuelle Nische" auf dem norwegischen Zeitungsmarkt mit ihrer Zurückhaltung im Netz bislang profilieren konnte, müsse das nicht für alle Zukunft gelten, sagt dagegen der Medienforscher Erik Wilberg von der Osloer Handelshochschule: Die Verbreitung neuer Geräte wie i-Pads oder PC- Tablets dürfte auch Klassekampen & Co zwingen, ihren Lesern Inhalte online zu liefern.

Wenn die Bezahlung stimme oder man über die Printausgabe hinaus einen Mehrwert liefern könne, sei das "durchaus eine Möglichkeit", sagt Klassekampen-Chef Braanen. Im Moment allerdings zeigt seine Erfahrung, dass selbst das junge Publikum auf die gedruckte Zeitung setzt: "In der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen haben wir in den letzten Jahren die Anzahl der Leser verdreifacht." Manchmal ist es eben ratsam, nicht blind auf jeden "Fortschritt" zu setzen.

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