Die Sphinx verlässt Berlin: Heimkehr nach Hattuscha

Ergebnis eines Routinebesuchs: Die Rückgabe eines kleinen, 4.000 Jahre alten, geflügelten Löwenkopfes. Seit 1915 steht er im Seitenflügel des Berliner Pergamon-Museums.

Strategisches Opfer und nicht Hauptstück der Sammlung von Resten aus der Hauptstadt des Hethiterreiches im Berliner Pergamon-Museum: Die "Sphinx von Hattuscha". Bild: dpa

BERLIN taz | Der türkische Kulturminister kann zufrieden sein. Eigentlich wollte Ertugrul Günay zu Beginn dieser Woche in Berlin nur die Internationale Tourismusbörse besuchen. Doch während des Routinebesuchs bei seinem Amtskollegen, Kulturstaatsminister Bernd Neumann im Bundeskanzleramt, konnte er überraschend durchsetzen, was der sonst so verbindliche Mann seit geraumer Zeit ungewohnt drastisch fordert: Die Rückgabe eines kleinen, 4.000 Jahre alten, geflügelten Löwenkopfes, der seit 1915 im Seitenflügel des Berliner Pergamon-Museums steht, der sogenannten "Sphinx von Hattuscha".

Besiegelt werden soll der Deal im April in der Türkei. Danach kehrt die Sphinx wohl endgültig zurück nach Anatolien, wo schon ihr Gegenstück steht. Das klingt nach Verlust. Doch unter Experten gilt der fragile Kopf nicht als Hauptstück der Sammlung von Resten aus der Hauptstadt des Hethiterreiches, das deutsche Archäologen 1907 bei Bogazköy in Zentralanatolien ausgruben.

Im Fall der Sphinx hatten die Berliner zudem juristisch schlechte Karten. Denn anders als beim Gipskopf der Nofretete, bei dem Dokumente belegen, dass sich ägyptische und deutsche Archäologen 1913 auf eine "Fundteilung" geeinigt hatten, konnten die Berliner ihr Eigentumsrecht an der Sphinx nie beweisen. Die Verträge, nach denen einer von zwei Köpfen die "Bezahlung" für deren Restaurierung war, sind wohl während des Krieges verbrannt.

Dass Hermann Parzinger, Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und selbst Archäologe, nun darauf beharrt, die avisierte Rückgabe sei ein "absoluter Sonderfall", ist verständlich. Nicht nur die deutschen Archäologen fürchten einen Präzedenzfall. Manch anderer nahöstliche Kulturminister könnte sich ermutigt fühlen, Günays erfolgreiche Demarche nachzuahmen.

Trotzdem hinterlässt die Einigung einen schalen Nachgeschmack. Welche archäologische Sammlung der Welt sich wie ihre Bestände zusammen geklaut hat, gehört seit langem auf den Prüfstand. Was Parzinger zähneknirschend als "Geste auf freiwilliger Basis" bezeichnet, dürfte dem Druck eines politischen Ultimatums geschuldet gewesen sein.

Günay hatte schon vor Wochen damit gedroht, dem Deutschen Archäologischen Institut die Grabungslizenz in Hattuscha zu entziehen. Hätte Berlin sich seinen Forderungen widersetzt, hätte wohl auch die große Pergamon-Ausstellung, die die Berliner Antikensammlung im Herbst eröffnen will, ohne Leihgaben vom Bosporus auskommen müssen. Deswegen beschwor Parzinger nach Günays Stippvisite an der Spree so beredt künftige "Kooperationen". Der kann jetzt erst einmal mit hoch erhobenem Sphinxkopf zurück nach Hause und in den Wahlkampf ziehen. Im Juni stehen in der Türkei Parlamentswahlen an.

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