Theaterfestival "Heimspiel" in Köln: "Populistisch und anstrengend"

Das Schauspiel Köln ist Gastgeber vom Abschiedfestival des Heimspiel-Fonds. Ein Gespräch mit der Kölner Intendantin Karin Beier über migrantische Zuschauer und HipHop auf der Bühne.

Theater als Auseinandersetzung mit der Gesellschaft: Szene aus "Fuck My Life1", einer der Inszenierungen des Fonds "Heimspiel". Bild: Provision & BiteDesign

taz: Frau Beier, das Abschlussfestival des Fonds "Heimspiel" findet am Kölner Schauspiel statt. Der Fonds förderte Produktionen, die ortsspezifische Probleme aufgreifen und oft mit Laien als Darsteller arbeiten. Wie wichtig sind solche Projekte für die Verortung des Theaters in der Stadt?

Karin Beier: Ich bin 2007 in Köln angetreten mit dem Anspruch, Stadttheater im wahrsten Sinne des Wortes zu machen. Theater, das mit dieser Stadt etwas zu tun hat. "Fordlandia" über den türkischen Arbeiterstreit, die "Kölner Affäre" mit Lebensgeschichten von Kölner Bürgern oder Elfriede Jelineks "Das Werk/Der Bus/ Der Sturz" waren solche Projekte. Durch diese Form der Einmischung ins Stadtgeschehen hat das Theater die Chance bekommen, wieder eine politische Instanz zu werden.

In Köln hat sich das durch die Debatte um Neubau oder Sanierung des Schauspielhauses dann zugespitzt und reichte zugleich weit darüber hinaus. Es ging um ein grundsätzliches Misstrauen der Bürger gegen die Politik der Stadt, aber auch um Fragen der städtischen Identität am Beispiel der Architektur aus den 50er Jahren.

KARIN BEIER begann ihre Regiekarriere bei der Theatergruppe Countercheck Quarrelsome und am Düsseldorfer Schauspielhaus. Sie wird mehrfach mit ihren Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Seit 1995 arbeitet Karin Beier regelmäßig an den Theatern in Hamburg, Bochum, München und Wien. 2007 übernimmt sie die Intendanz des Kölner Schauspiels und wird für ihre Arbeit unter anderem mit dem Theaterpreis FAUST ausgezeichnet. Zur Spielzeit 2013/14 wechselt Karin Beier als Intendantin ans Hamburger Schauspielhaus.

Gleichzeitig arbeiten viele Theater immer häufiger mit internationalen Regisseuren zusammen. Liegt darin nicht ein Widerspruch?

Mein Ausgangspunkt war die Frage, wie viele Menschen mit Migrationshintergrund in dieser Stadt leben. Köln ist bereits eine internationale Stadt. Insofern sind das Stadtspezifische und die Internationalität keine konträren Dinge, sondern zwei Seiten derselben Medaille.

Sie haben am Beginn Ihrer Kölner Intendanz gesagt, Sie wollen mehr Kopftücher im Zuschauerraum sehen. Dazu holten Sie als Identifikationsangebot migrantischstämmige Schauspieler auf die Bühne. Sind Sie damit letztlich gescheitert?

Ich habe das etwas zu naiv eingeschätzt. In "Fordlandia" spielte Hilmi Sözer zwar die Hauptrolle, aber die Publikumsstruktur hat sich dadurch nicht so verändert, wie ich mir das vorgestellt habe. Vielleicht hätte man die Inszenierung auch länger im Spielplan halten müssen. Meine Hoffnung war, dass sich die Zusammensetzung des Publikums durch die Bindung an die Schauspieler verändern lässt.

Aber das Theater bleibt offensichtlich ein bildungsbürgerliches Medium. Andere Inszenierungen wie meine Jelinek-Inszenierung, Produktionen von Gob Squad oder die spartenübergreifenden Arbeiten von Katie Mitchell ziehen durchaus ein anderes bildungsbürgerliches Publikum an.

Die Produktion "Trollmanns Kampf", die zum Festival aus Hannover kommt, spielt mit dem Showformat von DSDS. Lässt sich über solche populären Formate ein anderes Publikum erreichen?

Wie wir Theater machen, ist schon sehr deutsch. Wir wollen nicht populistisch sein, sondern haben den Anspruch, dass es auch anstrengend sein darf. Zum Anwerben von theaterfernen Schichten ist das nicht unbedingt der richtige Weg. Natürlich sitzt bei Planet Kultur …

einem Verein, der mit musisch begabten migrantischen Jugendlichen Produktionen erarbeitet, die im Kölner Schauspielhaus gezeigt werden …

… ein anderes Publikum. Ich scheue mich aber als Regisseurin davor, ein Stück mit HipHop zu machen. Ich sage nicht, dass das im Stadttheater keinen Platz hat. Jugendkulturen erreicht man sicher leichter, wenn die Sachen direkter daherkommen. Aber das geht gegen meinen Begriff von Ästhetik. Wir sind nicht dazu da, Realität abzubilden, sondern Übersetzungen zu finden, deren Entschlüsselung immer auch Anstrengung für den Zuschauer bedeutet.

Nichtsdestotrotz sind populäre Formen ein Weg, allerdings ein langwieriger. Es ist ja nicht so, dass man eine Technoparty macht, Planet Kultur einlädt, über Twitter kommuniziert - und dann schauen sich alle "Kabale und Liebe" oder "Empedokles" an. Die Rechnung geht nicht auf.

Welche Lehren ziehen Sie daraus für Ihre Intendanz am Hamburger Schauspielhaus?

Zu meinen Hamburger Plänen kann ich noch nichts sagen, ich bin in Moment vollauf mit Köln beschäftigt. Man kann auch nicht ein Modell auf eine andere Stadt übertragen. Hamburg hat völlig andere Probleme. Anspruchsvoll zu sein und zugleich jeden Abend 1.200 Plätze zu füllen, das ist die absolute Nummer eins unter den Aufgaben.

In Hamburg finden sich auch andere Nationalitäten als in Köln, wir bewegen uns geografisch woanders, da wird das Thema Internationalität sicher eine wichtige Rolle spielen. Die andere Frage ist, wie man Menschen über Plattformen wie Facebook oder Twitter erreicht. Kann man diese Form der Kommunikation radikalisieren? Wir suchen hier nach anderen Spielformen im Umgang mit diesen Medien.

Bei "Trollmanns Kampf" stehen junge Sinti und Roma auf der Bühne, beim Gastspiel "Der Dritte Weg" aus Jena sind es Jenaer Bürger. In Dresden hat sich eine "Bürgerbühne" ans Staatsschauspiel angekoppelt. Ist die Arbeit mit Laien ein Weg, kulturelle Teilhabe voranzutreiben?

In meiner Jelinek-Inszenierung habe ich auch einen Laienchor eingesetzt, ohne daraus eine Qualität zu machen, dass sie Laien sind. Sie sind einfach beteiligt an der Produktion. Die Arbeit mit Laien auf der Bühne ist eine Bewegung, die gerade hohe Wellen schlägt. Das hat mit der Mobilisierung und Politisierung größerer Bevölkerungsgruppen in unserer Gesellschaft zu tun.

Beispiele wie Stuttgart 21 oder das Bürgerbegehren gegen den Abriss des Kölner Schauspielhauses zeigen, dass die Menschen sich nicht mehr alles gefallen lassen, wieder mitreden wollen. Gleichzeitig sehen wir auf den Bühnen zunehmend Chöre aus der Bevölkerung. Das kann kein Zufall sein. Hier spiegeln sich gesellschaftliche Vorgänge auf dem Theater wieder und finden auf der Bühne eine Form.

Theater wird zunehmend mit politischen Anliegen wie Integration oder Bildung konfrontiert. Was bedeutet das für die Autonomie der Kunst?

Die Politik trägt doch nicht an mich die Forderung heran, dass ich mich um soziale Belange kümmern soll. Es gibt einen gesellschaftlichen Status quo und mit dem setze ich mich auseinander. Ich würde nie sagen, dass die Politik diese Auseinandersetzung an die Kunst delegiert hat.

Sind es nicht gerade Projekte mit Laien oder zu ortsspezifischen Themen, die dem Stadttheater angesichts knapper Kommunalkassen zusätzliche Legitimation verschaffen?

Wir erhalten keine Legitimation allein durch die Einbindung neuer Zuschauergruppen. Die Legitimation heißt, gutes Theater zu machen. Ob da Laien auf der Bühne stehen oder ob ein Schauspieler einen fünfstündigen Monolog hält: Es muss gut sein. Punkt. Nur darüber funktioniert Legitimation. An einem Theater, das sich einmischt, kommt keine Stadtpolitik vorbei. Da hilft es ein bisschen …

wenn man zum Theater des Jahres gekürt wird?

(lacht) Ja, aber so richtig beeindruckt waren die Kölner Politiker davon auch nicht.

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