Constanza Macras in der Schaubühne: Am Ende laufen die Möbel davon

Mit "Berlin Elsewhere" bringt Constanza Macras in der Schaubühne Berlin ein Stück über Süchte und Verlassenheit heraus.

Was eben noch Ekstase schien, gleicht zunehmend anstrengender Gymnastik. Bild: Thomas Aurin

"Aus tiefer Not schrei ich zu dir", mein Gott, das ist doch ein Kirchenlied, das Kristina Lösche-Löwensen über die Beats hinwegsingt, die eine Orgie begleiten. Sieben Frauen und drei Männer, das gesamte Ensemble des neuen Tanzstücks "Berlin Elsewhere" von Constanza Macras, gibt sich auf einer aus Gummi aufgeblasenen Wohnlandschaft den Rhythmen der Lust hin, in Zweier- und Dreiergruppen, ständig umarrangiert, beschleunigend und wieder verzögernd. Je länger das dauert, je heftiger Becken pumpen und Wirbelsäulen sich rückwärts neigen, desto tiefer scheint die Not, von der die hilflose Stimme singt. Erste nörgelnde Kommentare werden laut, "jetzt denk dir doch mal irgendwas aus". Was eben noch Ekstase schien, gleicht zunehmend anstrengender Gymnastik. "Ich langweilige mich" klagt eines der Lustobjekte, "sollen wir eine Arbeitsgruppe bilden?", fragt eine Kollegin zurück.

Geliebter Leuchter

Aber noch gibt das Ensemble nicht auf, die Jagd nach der großen Befriedigung geht weiter. Zwei Szenen später sehen wir eine Frau voller Stolz zwischen den Designerstücken ihrer Wohnung, die von abenteuerlich kostümierten Tänzern verkörpert werden. Sie liebt ihren venezianischen Leuchter, die Corbusier-Liege, selbst das Klo, und reibt ihren Körper, während ihre Stimme vor Entzücken kippt, gierig an all diesen Dingen. Wieder ist kein Verlass auf die Objekte der Lust, am Ende laufen ihr die Möbel davon, heimlich und einzeln erst, dann alle.

"Berlin Elsewhere" lebt vom Überkandidelten und vom Slapstick, vom schnellen Tempo und harten Einsatz der Körper, und von den Geschichten und Persönlichkeiten der Tänzer. Die brasilianische Performerin Fernanda Farah, die Liebhaberin der Möbel, switcht in einer anderen Szene zwischen zwei bis drei Rollen ständig hin und her, wie ein Dämon bricht eine tiefe Stimme und ein Verkrampfen des Körpers immer wieder in das Gezwitscher einer von sich selbst entzückten Lady ein. Als ob eine Komödie und ein Horrorfilm gerade durch den gleichen Körper laufen wollten. Hilde Ebers aus den Niederlanden verknotet die Beine, lässt die Glieder schnappen und schnalzen, wie es eigentlich nur mechanischen Puppen zusteht, und hält dabei einen Vortrag über die empfindlichen Punkte im Verhältnis zwischen Deutschland und den Niederlanden. Das sind artistische Kabarettnummern, skurril und witzig im Augenblick, deren Bezug zu den anderen Elementen des Stücks im Moment des Sehens noch sehr nebulös erscheint. Punktstrahler ins Chaos gerichtet.

Aber dieser tänzerische Marathon, dieses Feuerwerk an Witz und Verzweiflung, entfaltet im Nachhinein weiter seine Wirkung. Was erst beliebig scheint, setzt sich doch noch zu einer Zustandsbeschreibung der Gegenwart zusammen. Das liegt weniger an den eingestreuten Textfragmenten, die davon handeln, wie sich Ausschluss und Wahnsinn gegenseitig bedingen - die schweben bemüht über dem Ganzen. Es liegt vielmehr an der gemeinsamen Grundierung all der vielen Szenen von Fetischismus, Einsamkeit und den obsessiven Versuchen, die absolute Kontrolle über alle Funktionen des Körpers zu erlangen: Im Leben den Kurs verloren zu haben, der Zufriedenheit oder zumindest innere Gelassenheit ermöglichen würde, eint alle Figuren und macht ihre Zurschaustellung so aggressiv.

Auf den Kontext der Migration spielt das Stück dabei ebenso an wie auf die Flexibilitätsforderungen der modernen Arbeitsgesellschaft. Hyoung-Min Kim etwa erzählt von einem Traum, in dem alle Grenzbeamten ihren Namen richtig aussprechen können und man auf allen Straßen Koreanisch versteht. Den Demütigungen von Einbürgerungstests, Sicherheitskontrollen und Wartezeiten, die von der Hautfarbe abhängen, gelten andere Szenen.

Bilder der Verzweiflung

All das hat auch schon in früheren Stücken der argentinischen Choreografin Constanza Macras, die seit Ende der neunziger Jahre in Berlin aktiv ist und mit "Berlin Elsewhere" ihre dritte Produktion mit der Schaubühne macht, eine Rolle gespielt. Manche waren überraschender und punktgenauer im Bezug auf den Diskurs der Gegenwart, andere verloren sich noch mehr in Splittern. Bei "Berlin Elsewhere" fühlt man sich wieder gut unterhalten mit den Bildern der Verzweiflung, nicht zuletzt dank der gut durchkomponierten Dramaturgie zwischen Einzelaktionen und Ensembleszenen.

"Berlin Elsewhere", Schaubühne Berlin, wieder am 15. 4., 21 Uhr; 16. 4., 18 Uhr; 17. 4., 18 Uhr; 18. 5., 20 Uhr; 19. 5., 20 Uhr
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