Chawkat Takla über die Lage in Syrien: "Der Westen glaubt an Assad"

Der Unternehmer Chawkat Takla vertritt Syrien in Norddeutschland als Honorarkonsul. Obwohl der Feldzug des Präsidenten Assad gegen die Opposition viele Tote fordert und die EU ein Waffenembargo verhängt hat, glaubt Takla an das Regime.

"Ich diene keiner Regierung": Chawkat Takla. Bild: Nikolai Wolff, Fotoetage

taz: Herr Takla, als Honorarkonsul ist es Ihre Aufgabe, für Investitionen in Syrien zu werben. Können Sie das angesichts der dortigen Menschenrechtslage guten Gewissens tun?

Chawkat Takla: Ich diene keiner Regierung. Meine Aufgabe ist die Förderung der wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit. Das schafft Stabilität und Wohlstand.

In diesem Fall bedeutet es die Stabilität einer Diktatur.

Wirtschaftlicher Aufschwung kommt auch dem Volk zugute. Wollen Sie das Volk bestrafen? Hat ein Embargo je dem Volk geholfen? Im übrigen gibt es unter Assad sehr wohl Reformen.

Welche denn?

Als er im Jahr 2000 an die Macht kam, war Syrien ein sozialistisches Land. Seitdem gibt es eine Öffnung zur Marktwirtschaft. Dadurch konnten beispielsweise Privatbanken entstehen. Viele Länder haben seitdem in Syrien investiert.

In Sachen Bürger- und Menschenrechte kann von einer Öffnung aber keine Rede sein.

Tatsächlich hat sich in dem Bereich viel weniger getan. Das ist der Grund für die Protestbewegung dort im Moment. Ich habe Assad zwei Mal getroffen. Beide Male hat er von seinen politischen Reformvorhaben gesprochen. Die Wirtschaftsvertreter mit denen ich unterwegs war, und ich waren davon überzeugt, dass er es ernst meint.

CHAWKAT TAKLA 62, ist seit Dezember 2010 Honorarkonsul der Republik Syrien für Bremen und Niedersachsen. Der gebürtige Syrer kam 1968 zum Elektrotechnik-Studium in die damalige DDR. Danach arbeitete er als Software-Entwickler. 1983 gründete er in Bremen die Firma Miditec, die er bis heute leitet. Das Unternehmen mit Sitz in Bremen ist spezialisiert auf Sicherheitssysteme.

Glauben Sie das noch immer?

Ich bin kein Politiker, sondern Wirtschaftsfachmann. Seine Aussage war, dass äußere Umstände die politischen Reformen verzögert haben: Der Irak-Krieg, die Libanon-Krise, das Embargo.

Er ist seit elf Jahren an der Macht.

Natürlich hätte die Regierung in den letzten sechs bis sieben Jahren etwas tun können. Aber jetzt gibt es ja Fortschritte.

Wo?

Die Notstandsgesetze werden abgeschafft, ebenso die Sondergerichte ohne Revisionsmöglichkeiten. Parteien sollen zugelassen werden, friedliche Demonstrationen erlaubt, die Korruption soll bekämpft werden.

All dies hätte er doch längst tun müssen.

Natürlich geschieht es auf Druck der Demonstranten. Die Leute haben ja auch in vielen Punkten recht.

Assad lässt Tausende Oppositionelle verhaften und auf Demonstranten schießen. Die EU hat deshalb gestern ein Waffenembargo verhängt.

Die Mehrheit der Demonstranten ist friedlich. Einige jedoch sind es nicht. Die Opposition spricht von bis zu 800 Toten, die Regierung von ungefähr 200. Von diesen 200 Toten seien etwa die Hälfte Sicherheitskräfte. Täglich sterben zehn bis 20 von ihnen. Auch sie werden erschossen. Wer tut das? Das ist doch eine berechtigte Frage.

Woher wissen Sie, dass so viele Soldaten von Demonstranten getötet wurden?

Aus dem syrischen Fernsehen. Dort habe ich die Berichte über die Beerdigungen gesehen.

Das ist ein Staatsfernsehen.

Wenn Sie den Berichten über die toten Demonstranten glauben, müssen Sie auch der anderen Seite glauben. Ich bestätige aber weder das eine noch das andere.

Fast alle Bundesländer haben in der letzten Woche Abschiebungen nach Syrien gestoppt. Können Sie dies verstehen?

Ehrlich gesagt: Nein. Die Unruhen sind lokal begrenzt.

Der Grund waren nicht nur die Unruhen, sondern auch der Umgang mit Oppositionellen. Denen drohen laut Amnesty International Folter, aus Deutschland abgeschobene werden immer wieder verhaftet.

Ich kenne die Amnesty-Berichte. Das ist ein schwieriges Thema. Das Problem ist doch: Sind das alles wirklich Regimegegner, die da abgeschoben werden sollen? Ich kann nicht beweisen, ob es Folter gibt, oder nicht, ich weiß es nicht.

Sie sehen sich als Wirtschaftsfachmann. Glauben Sie, dass Firmen gern in einem solchen Land investieren?

Bis vor wenigen Wochen war Syrien extrem stabil. In der letzten Zeit wurde dort vor allem aus den Golfstaaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait, Saudi-Arabien und der Türkei unglaublich viel investiert.

Das dürfte kaum so bleiben.

Warum nicht? Was ist mit Ägypten oder Libyen? Gab es da Demokratie? Die Wirtschaft hat das nicht gestört. Und in den letzten zwei Jahren gab es praktisch keinen Monat, in dem keine Delegation in Syrien war. Außerdem sind letztes Jahr acht Millionen Touristen dort gewesen.

Auch die dürften nun abgeschreckt sein.

Bislang war das Land sehr sicher, auch für Touristen. Es gibt dort unglaublich viel zu sehen, unter jedem Stein ist Geschichte. Das Interesse an dem Land ist groß. Ich hoffe deshalb sehr, dass sich die Lage dort bald wieder bessert.

Unter Assad?

Warum nicht? Es ist eine klare Sache: Ich wünsche mir ein Mehrparteiensystem, Bürgerrechte, Korruptionsbekämpfung und Unabhängigkeit der Gerichte. Aber Assad ist nach meinem Eindruck reformfähig. Die USA und die EU haben nicht verlangt, dass er zurücktritt. Das zeigt: Sie glauben an ihn.

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