Tanzfestival in Alexandria: Der Moment vor der Zukunft

Mit dem Tanz auf die Straße gehen, das wollte ein Tanzfestival in Alexandria. Nach der Revolution sucht auch der zeitgenössische ägyptische Tanz nach neuen Inhalten.

Warten auf das Stück des Choreografen Mohamed Shafik am Strand von Alexandria, das nicht genehmigt wurde. Bild: Amr El Sawah

Die klapprigen Taxis scheuchen einander hupend durch den Abendverkehr. Die übrigen Autofahrer sehen zu, dass sie unfallfrei nach Hause kommen. Ein paar Fußgänger riskieren ihr Leben beim Überqueren der mehrspurigen Straße zur Strandpromenade. Alles scheint seinen gewohnten Gang zu gehen in Alexandria. Die alltägliche Hektik ist bester Beweis dafür, dass wieder Normalität einkehrt. Eine Normalität, die in postrevolutionären Zeiten fast schon wieder an den alten Trott erinnert.

Mohamed Fouad steht auf dem Dach eines alten Kinos, raucht und blickt auf den Verkehr unter sich. "Ich möchte die Revolution in meinem neuen Stück zumindest für einen kurzen Moment mal ausblenden können", sagt der kahl rasierte Choreograf. Ein paar Schweißtropfen kullern ihm über die Stirn, während er nervös den Probenplan für die Performance am kommenden Abend überfliegt. Fouad hatte nicht viel Zeit für die Vorbereitungen. Hastig zieht er an seiner Zigarette. "So ist das eben im Moment. Wenn einer eine Idee hat, springt man auf den Zug mit auf."

Öffentliche Orte

Die Idee hatten in diesem Falle das Goethe-Institut, das Institut français und zwei lokale Partner. Zwar hatten sie ihr Tanzfestival schon vor der Revolution geplant. Die aber legte das Projekt erst einmal auf Eis. Wenige Monate später scheint es nun umso einleuchtender, dass "Nassim el Raqs" stattfindet. Denn die drei ägyptischen Choreografen, der Franzose Frédéric Gies und die Tänzer aus der Region sollen nicht etwa Bühnen bespielen, sondern mit ihren Stücken auf die Straße gehen. So etwas hat es in Alexandria bislang noch nicht gegeben. Doch der Ansatz kommt zur rechten Zeit. Schließlich wären öffentliche Orte, wie das Dach eines Kinos oder der Strand, noch vor wenigen Monaten nur unter Schwierigkeiten bespielbar gewesen.

Fouad findet es angemessen, den Menschen auf der Straße mit den Choreografien etwas zurückzugeben. "Ich habe wirklich nicht daran geglaubt, dass die Ägypter so einen langen Atem haben würden", erzählt er und lacht. "Ich war am ersten Revolutionstag ja selbst erst mal nur Kaffee trinken und hab mich um eine Reise in die Niederlande gekümmert." Irgendwann hat er dann auch auf dem Tahrirplatz vorbeigeschaut. Aber erst als er in Amsterdam die Nachrichten sah, wurde ihm klar, was gerade in seinem Land passiert.

Längst ist Mohamed Fouad wieder zu Hause, und die Euphorie der vergangenen Monate ist einer gewissen Ratlosigkeit gewichen. Sicher, er war bei den Demonstrationen dabei, die auf den 25. Januar folgten. Er beteiligte sich am Sturm auf das Gebäude des Inlandsgeheimdienstes und freute sich über die Entschlossenheit und den Zusammenhalt seiner Landsleute. Aber was jetzt? Jetzt gehen ihm langsam die Themen aus. "Ich habe gedacht, ich würde mich immer an den Zuständen unter der alten Regierung abarbeiten", sagt Fouad. "Aber auf einmal ist alles anders. Auf einmal gibt es all diese neuen Möglichkeiten." Und zur Revolution ist ja auch schon alles gesagt worden. "Die Medienleute waren dabei die eigentlichen Künstler. Was können wir noch hinzufügen?"

Offensichtlich genug, um am folgenden Abend 200 neugierige Zuschauer aufs Dach des Kinos zu locken. Auf der großen Freiluftbühne sitzt ein traditionelles Orchester, das Publikum wippt im Takt der Musik mit, die Stimmung ist großartig. Plötzlich springt Fouad auf die Bühne. Er stellt sich ans Mikrofon und reißt den Mund auf. Fünf Minuten lang macht er das, jedoch ohne ein Wort zu sagen oder gar zu singen. Die angedeutete Sprachlosigkeit vor den neuen Möglichkeiten zieht sich auf amüsante Weise durch "Falling Bodies". Durch ein Stück, in dem Tänzerinnen mit Goldfischen kommunizieren, mit denen sie einen Wasserbehälter teilen. In dem rauchende, glucksende und kichernde Tänzer immer wieder versuchen, sich einander mitzuteilen. Und in dem schließlich auch ein paar Zuschauer schweigend zum Tanz aufgefordert werden.

Die Choreografin Shaymaa Shoukry wird ihr Publikum am nächsten Abend ebenfalls auffordern, sich einzubringen. Zumindest möge man sich dort am Strand, wo sie ein Stück über die komplexe Sozialstruktur Alexandrias zeigt, doch mal seinen Nachbarn ansehen. Denn Shoukry tanzt nicht nur vor der städtischen Kulturschickeria. Sondern auch vor Fischern und Jugendlichen aus der Gegend.

Um 21 Uhr des letzten Abends versammeln sich die Zuschauer dann noch einmal am Strand. In einer Werft in Anfoushi warten sie zwischen riesigen Schiffsbäuchen auf das letzte Stück. Nicht jeder scheint sich wohlzufühlen in dem ärmlichen Vorort, wo die Militärpräsenz zum ersten Mal seit Beginn des Festivals spürbar ist. Um 22 Uhr breitet sich langsam Unruhe aus, weil das Stück noch immer nicht beginnt. Die studentischen Hilfskräfte der Veranstaltung drängen das Publikum immer weiter Richtung Straße zurück. Und schließlich klettert Mohamed Shafik auf ein kleines Podest und erklärt aufgebracht, dass seine Performance nicht stattfinden kann. Weil die Genehmigung fehlt.

Die Ungewissheit

"Ich wollte ohnehin ein Stück über das Warten zeigen", sagt er später. "Es sollte um die Ungewissheit dieser Tage gehen." Ein paar Dutzend Studenten des Theaterinstituts sollten Shafik beim performativen Warten auf die Zukunft unterstützen. Tatsächlich sitzen einige von ihnen wie geplant am Wasser. Jeder hält eine Fackel, und alle blicken schweigend auf den dunklen Horizont. Aber das Publikum wird sie nicht mehr zu sehen bekommen.

Als Künstler ist man heute immer noch der Willkür von Behörden und Militär ausgesetzt. Zum Beispiel, wenn der Blick auf nahe gelegene Militärgebäude auf einmal doch zu frei scheint. Der Grat zwischen neu gewonnener Freiheit und alten Kontrollmechanismen erscheint schmal. "Ehrlich gesagt, verstehen wir das Militärregime genauso wenig wie das vorherige", sagt Mohamed Fouad am Ende des Festivals. "Da sitzt doch immer noch eine kleine Diktatur innerhalb einer künstlichen Demokratie." Klingt fast so, als gebe es doch noch ein bisschen Stoff für ihn und die Kollegen.

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