Zeitungskrise in Rumänien

Permanenter Ausnahmezustand

Massenentlassungen, Mogulisierung, gegängelte Redaktionen – die Pressefreiheit Rumäniens in Gefahr. Nicht durch den Staat, sondern durch autoritäre Medienbesitzer.

Seltener Hoffnungsträger: das junge Magazin "Decât o revista". Bild: Decât o revista

Die Nachrichten aus Rumänien sind mehr als Besorgnis erregend: 6.000 Journalisten wurden seit Beginn der Wirtschaftskrise entlassen, über 60 Zeitungen haben ihr Erscheinen eingestellt, die Auflagen der noch nicht eingegangenen, überregionalen Zeitungen sind dramatisch gesunken.

Diese verheerende Bilanz einer sich im Umbruch befindlichen Presselandschaft veröffentlichte Anfang Mai die rumänische Organisation ActivWatch in Jahresbericht zur Lage der Pressefreiheit in Rumänien.

Die Untersuchungsergebnisse sind katastrophal: Die Unabhängigkeit der Presse in Rumänien sei gefährdet, so die Schlussfolgerung. Nicht durch Gesetzgebung, die die Meinungsfreiheit einschränkt, sondern durch die Kontrolle des Markts durch wirtschaftliche und politische Interessengruppen. In diesem Zusammenhang ist von einer zunehmenden "Mogulisierung" der Presse die Rede, einer strikten Kontrolle der Medien durch ihre Besitzer.

In den letzten zwei, drei Jahren wurden mehrere überregionale Zeitungen aus wirtschaftlichen Gründen einstellt. Die Zeitungen Cotidianul und Gândul erscheinen nur noch online und müssen durch den Verzicht auf den Großteil ihrer Mitarbeiter auch einen alarmierenden Qualitätseinbruch hinnehmen.

Westliche Pressekonzerne, die in den neunziger Jahren versuchten, in Rumänien Fuß zu fassen, ziehen sich zurück. Eine der größeren überregionalen Tageszeitungen, Evenimentul zilei, hängt zwar noch am Tropf des Schweizer Ringier-Konzerns, kündigte aber kürzlich redaktionelle Umstrukturierungen an. Mitarbeiter befürchten eine Entlassungswelle.

Gefährliche Boulevardisierung

Eine Folge dieses unaufhaltsamen Niedergangs der journalistischen Unabhängigkeit ist eine zunehmende Boulevardisierung der Medien. Zeitungen und Fernsehsender ähneln immer mehr einer publizistisch fragwürdig aufbereiteten Telenovela, bestehend aus einer Flut von hysterischen Berichten über tödliche Unfälle, Verbrechen und Katastrophen. Die rumänische Presse, schrieb kürzlich der Schriftsteller und Hochschullehrer Liviu Antonesei, vermittle den Eindruck als befände sich das Land in einem permanenten Ausnahmezustand.

In ihrer inhaltlichen Ausrichtung sind die Blätter durchweg den wirtschaftlichen und politischen Interessen ihrer Besitzer untergeordnet. Einmischung in redaktionelle Angelegenheiten, Gängelung und Erpressung von aufmüpfigen Journalisten gehört auch zum Alltag all jener, die im Pressekonzern des Politikers und Medienmoguls Dan Voiculescu arbeiten.

Voiculescu diktiert seinen redaktionellen Mitarbeitern bei der Zeitung Jurnalul National und seinen Fernsehsendern, was und wie sie zu berichten haben, gegen wen Pressekampagnen geführt werden sollen und welche Themen tabu sind.

Einige Journalisten suchen inmitten dieser allgemeinen Untergangsstimmung voller Zuversicht nach Alternativen. Eine nennt sich Decât o revista – frei übersetzt: "Nur eine Zeitschrift". Das Magazin, das vor einem Jahr von jungen Journalisten gegründet wurde, soll eine Marktlücke schließen – all die Themen aufgreifen, die in anderen rumänischen Medien nicht zur Sprache kommen.

Inzwischen ist die siebte Ausgabe erschienen, so Herausgeber Cristian Lupsa. Doch Decât o revista ist auf Werbung ihrer Sponsoren angewiesen. Bislang hat es keinerlei Einflussnahme auf den Inhalt der Zeitschrift gegeben, versichert Lupsa. Ob sich sein Magazin jedoch auch in Zukunft gegen den dominierenden Boulevardjournalismus durchsetzen kann, ist fraglich.

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