Flucht vor Häuslicher Gewalt ins Frauenhaus: "Ich musste weg"

Carola Siemen* wurde jahrelang von ihrem Lebenspartner geschlagen und verfolgt. Dann zeigte sie ihn an. Weil sie nicht mehr nach Hause konnte, ging sie ins Frauenhaus. Das war ihre letzte Rettung .

Das ist nicht Carola Siemen*, könnte sie aber sein: Exemplarische Szene aus einem Berliner Frauenhaus. Bild: dpa

taz: Frau Siemen, fühlen Sie sich sicher?

Carola Siemen: Ich bin in der Nähe vom Frauenhaus und fühle mich prinzipiell schon sicher. Es gibt auch Sicherheitsvorkehrungen. Man kann einige Sachen mit der Polizei absprechen, damit es leichter ist, falls nochmal etwas vorfällt. Dann können sie schneller reagieren.

Warum sind Sie ins Frauenhaus gegangen?

Ich habe meinen Ex-Partner angezeigt. Danach konnte ich nicht mehr nach Hause und musste irgendwo anders hin. Wenn er das erfahren hätte und ich wäre zu Hause gewesen – ich will gar nicht darüber nachdenken, was dann passiert wäre. Und da war dann das Frauenhaus.

Wie sah Ihr Alltag vor dem Frauenhaus aus?

Wir hatten eine kleine Wohnung. Tagsüber waren wir nie viel zu Hause, meine Tochter und ich, wir haben versucht, raus zu kommen. So oft und lange wie es eben ging. Abends musste ich ja nun mal nach Hause. Aber man wusste nie, wann mein Ex-Partner kommen würde. Es war einfach nur eine Art Überleben.

Wie sah das Zusammenleben mit Ihrem Ex-Partner aus?

Ein wirkliches Zusammenleben war es nicht mehr. Er kam und ging wie er wollte. Manchmal war er zwei Wochen gar nicht da, dann ganze Monate am Stück zu Hause. Er kam, hat gegessen, hat geschlafen und ist gegangen. Für ihn war das wie ein Hotel. Für ihn war klar, dass die Tür immer offen steht. Und dann war er da – dann ging es nach seinen Regeln. Als es das erste Mal zum Übergriff kam, da habe ich gleich gesagt, ich muss weg, sowas geht nicht. Ich glaube, ich habe damit seine Ehre verletzt. In seinen Augen verlässt die Frau nicht den Mann.

Von den zwei Frauenhäusern in Lübeck musste eines Anfang des Jahres schließen, weil die Landesregierung ihre Zuschüsse gekürzt hatte.

Übrig geblieben ist das Autonome Frauenhaus Lübeck, das nach der Schließung des AWO-Frauenhauses massive Probleme mit Überbelegung hatte.

Etwas entspannt hat sich die Situation dadurch, dass die Stadt die Mittel freigab, um die Räume im Hinterhaus des AWO-Frauenhauses wieder zu nutzen.

Entstanden sind so drei Wohnungen für Frauen und Kinder. Anders als im Autonomen Frauenhaus ist in den drei Wohnungen allerdings keine Rund-um-die-Uhr-Betreuung möglich. Vor neun und nach 16 Uhr sind die Frauen dort auf sich selbst gestellt.

Wie lange waren Sie in Ihrer Beziehung glücklich?

Es war so circa ein Jahr lang schön und gut. Und dann kam es langsam und dann immer mehr. Er wurde aggressiver und dann auch handgreiflich.

Was ist dann passiert?

Ich weiß gar nicht mehr warum er damals das erste Mal so ausgerastet ist. Wahrscheinlich eine Eifersuchtsszene. Dann hat er mich das erste Mal geschlagen. Daraufhin habe ich ihm gesagt, dass es vorbei ist, aber das hat er völlig ignoriert. Er kam dann auch immer wieder. Er hatte einen Schlüssel für meine Wohnung, den er mir nicht geben wollte. Nach dem ersten Mal kam es immer wieder vor. Er war aus irgendeinem Grund sauer und hat die Wut dann an mir abgelassen.

Und Ihre Tochter hat das alles mitbekommen?

Ich denke, sie hat nicht gesehen wie er mich geschlagen hat. Und meistens war er erst abends da wenn sie schon im Bett war. Aber sie wird sicherlich auch da schon etwas mitbekommen haben. Sei es, dass sie nur etwas gehört hat. Am schlimmsten war es in der letzten Wohnung. Sie war sehr klein und die Räume waren nur durch Vorhänge getrennt. Da war es schon akuter.

Wie lange dauerte es, bis Sie Ihre Anzeige machten?

Bei mir hat es insgesamt fünf, sechs Jahre gedauert. Ich denke, das ist bei jedem unterschiedlich.

War es nie eine Option zur Familie zu ziehen?

Meine Familie und meine Freunde wussten von nichts. Meine Familie war nicht in Lübeck und keiner wusste Bescheid. Ich hätte es ihnen erzählen müssen und das konnte ich nicht.

Warum konnten Sie das nicht?

Zu erzählen, was zu Hause passiert, ist nicht so einfach, wenn immer alle davon ausgehen, dass alles in Ordnung ist.

Wie sah Ihr Weg zum Frauenhaus aus?

Ich war vor vier Jahren schon mal in Lübeck, um zu arbeiten. Mein Ex-Partner war auch dabei. Er ist dann zurück in seine Heimat. Das war das erste Mal, wo ich die Situation genutzt habe. Ich habe die Sachen zusammengepackt und bin zurück in meine Heimatstadt. Dort war ich bei einer Freundin und hatte später auch eine kleine Wohnung. Da hatte er aber schon rausbekommen, wo ich war ...

... und kam zurück.

Die Situation ist dann eskaliert und ich bin wieder weg, nach Berlin, zu einer anderen Freundin. Nach vier Monaten hat er mich wieder gefunden. Dann bin ich nach Hamburg zu Bekannten – auch da ist er wieder aufgetaucht. Ich bin dann zurück nach Lübeck, habe bei Bekannten gewohnt und hatte später auch meine eigene Wohnung. Dort hat er mich aber auch wieder gefunden. Dann kam das Frauenhaus.

Was haben Sie auf der Flucht verloren?

Alles. Es fängt schon bei den Möbeln an, die bei den ganzen Umzügen weggekommen sind. Dann verliert man Freunde. Viele haben nicht verstanden was los war. Ich hab ja auch nichts erzählt. Einige gute Freunde haben was geahnt, aber wenn man nichts erzählt, ist es schwierig. Für viele war es zu schwierig, das auf Dauer mitzumachen. Auch für meine Familie. Ich hatte lange keinen Kontakt zu meiner Familie. Weil da immer diese Fragen waren. Wenn man darauf nicht antworten will, geht man allem aus dem Weg.

Wovor hatten Sie Angst?

Man will immer stark sein. Und eigentlich war ich das auch, aber zuzugeben, dass man nicht mehr alleine klarkommt, keine Chance hat – das ist schwierig.

Wie erklärt man seinem Kind, dass man andauernd umziehen muss?

Das war nicht einfach. Meine Tochter wusste schon warum, denn sie hat auch einiges mitbekommen. Sie vertraut mir und sie weiß, dass ich nur ihr Bestes will. Natürlich war es für sie nicht immer einfach. Sie hat ja auch jedes Mal etwas verloren, musste etwas zurücklassen. Immer, wenn sie gerade Freunde gefunden hatte, mussten wir wieder weg. So richtig erklären kann man ihr das auch nicht.

Wissen Sie, ob es für Ihren Ex-Partner Konsequenzen gab?

Es ist sehr schwierig, denn er ist nicht aufzufinden. Ich weiß, dass er von der Anzeige weiß. Ich hoffe, dass es irgendwann soweit ist. Ich muss ehrlich sagen, dass ich es zwischendurch bereut habe, diese Anzeige gemacht zu haben. Denn es ist nichts passiert. Alle wurden eingeladen, haben ihre Aussagen gemacht. Aber ihn selber haben sie nicht bekommen. Da fragt man sich schon, wofür man das alles gemacht hat.

Wie gehen Sie mit der Ungewissheit um, ob der Ex-Partner nun zur Rechenschaft gezogen wird oder nicht?

Ich würde mir wünschen, dass er gerade jetzt irgendwo lang geht, ein Polizeiauto neben ihm herfährt und ihn einsammelt. Das wäre perfekt. Einfach nur, dass es endlich zu Ende geht und ich einen Schlussstrich ziehen kann.

Wie haben Sie sich durch den Schritt eine Anzeige zu machen und ins Frauenhaus zu gehen, verändert?

Vor meiner Zeit im Frauenhaus konnte ich kaum Kontakte knüpfen. Jetzt habe ich so viele neue Leute kennengelernt. Es macht auch Spaß, wieder zu arbeiten. Das hätte ich mir vorher nie vorstellen können. Die Kraft hatte ich nicht. Man steckt die ganze Energie ins Überleben. Das Frauenhaus hat mich aufgebaut, mich stärker gemacht. Ich habe gesehen: Es geht auch weiter. Man hat die Chance, sein Leben wieder neu aufzubauen. Für mich war es die Rettung.

Wie sehen Sie sich heute?

Ich würde sagen, ich bin willensstark, mutig und glücklich. Im Moment läuft es gut. Meine Tochter ist glücklich, also bin ich es auch.

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