wird kai diekmann geköpft? von WIGLAF DROSTE

Kevin Kurányi und Lukas Podolski haben einen Kopf als Halsverschluss, damit es nicht hineinregnet; manchmal können sie den Kopf auch hinter einen Fußball bringen, ihn ins Tor befördern und dann jubeln. Ansonsten täten sie sich und der Welt einen großen Gefallen, wenn sie ihn fest geschlossen hielten.

Sabine Christiansen trägt ihren Kopf für einen guten Zweck: Schönheitschirurgen und Frisöre entgehen so der Brotlosigkeit. Alice Schwarzers Kopf gibt immerhin einer Hutmacherin Arbeit, Günther Jauch und Peter Hahne haben ihre Schleimköpfe, um „Du bist Deutschland“ zu predigen: „Behandle dein Land wie einen guten Freund. Kritisiere ihn nicht, unterstütze ihn.“ Atta atta pomm.

Die Frage, wie aggressiv doof man eigentlich sein darf in Deutschland, wird täglich niederschmetternder beantwortet. Heiner Pudelkos altes Interzonen-Diktum – „Jeder gute Deutsche hat einen großen Mund zum Bierfassen und Jasagen“ – reicht längst nicht mehr aus; die Landsleute wissen mit ihren Köpfen noch weit Unangenehmeres anzufangen als kampftrinken und kollektivbrüllen.

Wozu hat Kai Diekmann einen Kopf? Der Bild-Chefredakteur tut viel für die Haargel herstellende Industrie; sein täglicher Verbrauch an feuchtem Glibber sichert mehrere Arbeitsplätze. Auch Not leidenden Designerbrillenbauern greift Diekmann unter die Arme, und wenn der Medienredakteur der FAZ seine Seite nicht voll kriegt, springt Diekmann ebenfalls altruistisch ein und lässt jede Menge Eigenweihrauch aufsteigen. Bild, durfte der kopfgefettete Spitzen-, ja Top-Journalist den Lesern der FAZ erklären, sei die letzte Bastion journalistischer Unabhängigkeit und die einzig verbliebene Barrikade des Klassenkampfs. Um im Gegenzug die Bücher des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher zu belobhudeln.

Auch die aktuelle Werbekampagne für Bild wirkt wie direkt aus Kai Diekmanns Kopf in die Welt entlassen. Alle Schurkenlobbyisten fordern dort „Entmachtet Bild!“, denn Bild kämpft für Gerechtigkeit, weltweit. Deshalb stellt Bild am 29. 11. 2005 auf Seite eins die Suggestivfrage: „Wird sie geköpft?“ Die mit „sie“ Bezeichnete ist die Archäologin Susanne Osthoff, die im Irak entführt worden ist. Ihre Entführer, die ihren Medienerfolg im World Wide Web betrachten können, dürfen sich bestätigt und angefeuert fühlen. Verantwortlich dafür, juristisch und persönlich, ist Bild-Chefredakteur Kai Diekmann. Er spielt mit dem Leben einer Geisel. Ihm in den Arm zu fallen, wäre kein Akt der Zensur. Im Gegenteil: Erst ein Land, in dem solche Schlagzeilen und Titelseiten untersagt sind, hätte ein Recht, zivilisiert genannt zu werden.

Dass Kai Diekmann einen Kopf hat, um damit anderer Leute Körperflüssigkeiten in die Welt zu spritzen, war hinlänglich bekannt. Dass er sich zum Herrn über Leben und Tod macht, ist eine neue Qualität. Hier begibt sich Diekmann auf das Terrain des Alten Testaments. Wollte man dieser Schrift folgen, gäbe es nur eine Antwort: Kai Diekmann entführen. Ihm kein Haar krümmen. Aber ihn so lange festhalten, bis Bild auf Seite eins sein Foto bringt, mit der Überschrift: „Wird er geköpft?“ Dann darf er gehen, entlassen in den Dreck seines Lebens.