DER RECHTE RANDWie die Neonazi-Szene mit einem Abtrünnigen umgeht

Kleinreden und bloßstellen

Unbedeutend und unwichtig: Nach dem Ausstieg von Mike P. ist die Nazi-Szene bemüht, seine Rolle herunterzuspielen. Kaum hatte der 21-Jährige aus Hamburg seine Abkehr öffentlich gemacht, wird gegen die „erbärmliche Ratte“ gehetzt. Inzwischen kursieren auch Angaben über seine Identität und sogar ein angebliches Foto des vormaligen NPD-Mitglieds. Mike P. habe „sinnloses Geschwätz“ viel mehr gelegen als „vernünftiges Handeln“, allenfalls ein geduldeter Mitläufer sei er gewesen, glaubt man einer selbsternannten „Infoseite freier Nationalisten aus Hamburg“.

In der Szene dürfte für Verunsicherung sorgen, dass P., der zunächst bei der NPD und später bei den „Autonomen Nationalisten“ (AN) mitmachte, die personellen Strukturen kennt, aber auch informelle Netzwerke. Was wird er erzählt haben, werden sich die Ex-Kameraden fragen. Am Freitag erst verurteilte das Amtsgericht Hamburg-Barmbek den Neonazi Christoph D. zu einer Geldstrafe – nachdem Mike P. bezeugt hatte, dass D. bei einer zufälligen Begegnung auf einen Freund P.s eingetreten habe.

Auf dem rechten Szeneportal „Altermedia“ wettern Kommentatoren derweil über die AN an sich – weil P. nicht der erste Renegat in diesen Zirkeln war: Mehrere Namen von AN-Aussteigern werden aufgelistet, und man betont: „Sowas passiert, wenn nur der Modeschick der Linken kopiert wird“ und die Weltanschauung nicht gefestigt sei. Hauptsache „cool“ und actionorientiert seien die AN, so wird in Teilen der Szene geschimpft.

In einer Studie betont der Rechtsextremismusexperte Jan Raabe, dass bei den AN „die Aktion als Kern des Politischen“ verstanden wird. „AN zu sein, ist kein Bekenntnis zu einem bestimmten Programm des Neonazismus, sondern der ästhetische Ausdruck der Radikalität.“ Für Aussteigerprojekte, an die sich zweifelnde „Autonome Nationalisten“ wenden, bedeutet das eine neue Herausforderung.

Hinweis:ANDREAS SPEIT arbeitet als freier Journalist und Autor über die rechte Szene nicht nur in Norddeutschland