DIE GESELLSCHAFTSKRITIK

Schluss mit der Nachlässigkeit

WAS SAGT UNS DAS? Großbritannien zwingt Internetprovider zum Einbau von Pornofiltern. Dabei kann man unmöglich alle Seiten auf den Index setzen

Eine törichte Idee – als ob britische Jugendliche nicht internetversierter wären als ihre Väter

Bei „Untenrum“-Themen sind britische Parlamentarier hellwach. Als im Unterhaus zur Weiterbildung Pornofilme eines niederländischen Fernsehsenders, den man blockieren wollte, gezeigt wurden, musste die Veranstaltung wegen des immensen Interesses in einen größeren Saal verlegt werden. Nun hat man das Internet im Visier.

Anfang der Woche verkündete die britische Regierung, dass Monitore auf der Insel ab 2014 schwarz bleiben, wenn man eine Pornoseite aufruft. Die Internetprovider sollen bis zum Jahresende Filter einbauen, die Seiten mit pornografischen Inhalten blockieren. Die Nutzer müssen diese Filter ausschalten, bevor sie an das Material kommen. Allerdings schalten sich die Filter am nächsten Morgen automatisch wieder ein. Eine törichte Idee – als ob britische Jugendliche nicht internetversierter wären als ihre Väter. Die müssen dann ihre Kinder bitten, ihnen beim Umgehen des Filters zu helfen.

Claire Perry, Jugendschutzberaterin von Premier David Cameron, meint, viele Eltern seien beim Thema Internetpornografie nachlässig: Nur 40 Prozent benutzten Programme, um solche Seiten zu blockieren. Deshalb müssen das die Provider nun übernehmen, denn sonst kommen die Jugendlichen auf dumme Ideen. Müsste man nicht auch Seiten mit Diätprogrammen und Sportergebnissen sperren, damit Kinder nicht anorektisch werden oder spielsüchtig? Der Verband der Provider, ISPA, ist gegen Filter. Man tue ja schon genug, um „schädliches Material zu bekämpfen“, sagte Generalsekretär Nicholas Lansman. Unterbinden lässt sich dessen Auftreten im Netz ohnehin nicht.

Perry setzt dennoch auf die freiwillige Kooperation der Provider. Ansonsten droht dem User der Zwang, sich bei jedem Besuch mit Passwort auf den Seiten anzumelden. Das forderte John Carr von der „Koalition für Internetsicherheit“ nach zwei sadistischen Morden an zwei Mädchen im Alter von fünf und zwölf Jahren im Frühjahr. Bei den Gerichtsverhandlungen kam heraus, dass beide Täter zuvor Kinderpornos im Netz geguckt hatten. Sind diese Seiten nicht ohnehin illegal und sollten mit Strafverfolgung statt mit Filtern bekämpft werden? RALF SOTSCHECK