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Die Assel wird böse

„The Bay“ (USA 2012, Regie: Barry Levinson), ab 10 Euro im Handel

Die Assel ist an sich ein harmloses Tier ehrwürdigen erdgeschichtlichen Alters. Sie lebt in den meisten ihrer Arten und Unterarten friedlich im Meer und ernährt sich von Pflanzen. Claridge ist ein beschauliches Städtchen an der Chesapeake Bay, einem herrlichen Stück Erde an der Atlantikküste, nicht weit von Baltimore. Ausgerechnet am 4. Juli 2009, also dem Nationalfeiertag, geschehen hier schreckliche Dinge. Hunderte Menschen erkranken, werfen Blasen, spucken Blut, werden von innen zerfressen und verenden auf offener Straße. Barry Levinson ist ein vielfach ausgezeichneter Filmregisseur, der aus Baltimore stammt. Sein Debütfilm „Diner“ war toll. Und „Rain Man“ kennt jeder. Er hat einen Dokumentarfilm über die Vorfälle von Claridge gedreht, die das amerikanische Homeland Office unter den Teppich gekehrt hat. Googeln Sie selbst: Claridge wurde von den Karten getilgt. Es ist, als hätte es nie existiert.

Natürlich hat Claridge nie existiert. „The Bay“, Barry Levinsons Film, ist ein Mockumentary, also Fiktion, die so tut, als wäre sie echt. Ziemlich kunstvoll verschneidet „The Bay“ allerhand scheindokumentarisches Bildmaterial zu einer Found-Footage-Collage. Aufzeichnungen eines Fernsehteams stehen neben Überwachungskamerabildern, privaten Videoaufnahmen eines auf dem Segelboot nahenden Paares, Skypevideokonferenzen, Handy- und Fotobildern und anderem mehr – eine geradezu enzyklopädische Ordnung zeitgenössischer postkinematografischer Aufzeichnungstypen. Was man auf diesen schiefen, bleichen, unscharfen, ruckelnden, unbeholfenen Bildern sieht, ist mitunter von einiger Drastik: blutende, sterbende, tote Menschen, ein unvermutetes blutrotes und frisch amputiertes Bein, ein wie ein Zombie wankender und um sich schießender Polizist. Es ist der blanke Horror, der Claridge heimsucht. Eine tapfere junge Reporterin (Nansi Aluka), so die Fiktion, hat das Bildmaterial gesammelt und schmuggelt es per Skype am Homeland Office vorbei an die Mitwelt.

Steroide und Exkremente

Aber die Assel. Was hat die mit dem Ganzen zu tun? Sie ist mutiert. Und warum? Hühnerzuchtsteroide. In Claridge und Umgebung liegen riesige Hühnerfarmen. Die Exkremente der brutal zusammengepferchten und mit Steroiden auf Wachstum getrimmten Tiere gelangen in großen Mengen ins Meer. Dort bekommen sie, muss man sagen, der Assel nicht gut. 40 Prozent der Fauna sind ohnehin tot, das finden zwei Meeresforscher heraus. Die Fische, die es noch gibt, sind von madenartigen Parasiten befallen. Später treiben sie auf weiter Fläche kieloben. Und die Assel vermehrt sich, wird böse, wächst und frisst die Organe von Menschen. Der Bürgermeister von Claridge, zuvor Betreiber eines Staubsaugerladens, weiß eigentlich, dass etwas nicht stimmt. Er unternimmt jedoch nichts. Die Touristen sollen weiter das hübsche Claridge besuchen.

„The Bay“ ist sozusagen der Veggie-Day unter den zeitgenössischen Horrorgeschichten. Er warnt vor der industriellen Fleischproduktion. Schreibt uns natürlich nichts vor, bringt dafür aber Hunderte um. Als Mockumentary aus vermeintlich gefundenen Bildern ist er dabei State of the Art. Kein Wunder, dass in den Credits auch Oren Peli als Produzent erscheint, der Mann, der mit „Paranormal Activity“ Found-Footage-Horror ins 21. Jahrhundert katapultierte. Levinson malt mit Liebe den Alltag in der Provinz und treibt von da aus wirkungsvoll den Schrecken in Zuschauerglieder. Subtil ist das nicht, aber warum sollte eine klare Botschaft subtil sein? Short, sharp, shocking ist der Film. Und wir sehen fortan die Assel mit anderen Augen.

EKKEHARD KNÖRER