MARTIN UNFRIED ÜBER ÖKOSEXWIE ORGANISIEREN SIE MASSENKÜNDIGUNGEN BEI ATOMSTROM-KONZERNEN? EINE GERBRAUCHSANWEISUNG

Putscht von unten

Jippiee! Atomkraftgegner in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Ich bin am Samstag im wilden Süden in Maastricht fast vom Fiets gefallen, als ich hörte, dass es in Norddeutschland über 100.000 waren, die gegen die Spaltung des Pudels Kern auf die Straße gingen. Und auch der Niederländer an sich, besonders der eine mit dem herrlichen Weißwein, war ganz schön erstaunt, als ich die freudige Nachricht überbrachte. Demo? Atomkraft? Menschenkette? Ja, lekker!

Da ging sein Blick wehmütig zurück in die goldenen Achtziger der niederländischen Protestkultur. Im Land von Bots waren Demos früher bekanntermaßen mindestens „Zeven dagen lang“, und es rollte so manches Fass herein. Aber Bots ist Asbach uralt und große Demos gegen Atom sind undenkbar. Nicht dass es keinen Anlass für Massenprotest gäbe. Es gibt sogar Parteien, die einen neuen Reaktor in Zeeland bauen wollen. Das Problem ist, es findet sich weit und breit keine Masse, die sich an der Hand fassen könnte. Atom als Thema ist sowas von out, obwohl beispielsweise die Atomkonzerne RWE und Vattenfall den niederländischen Strommarkt aufgekauft haben.

Meine einzige Hoffnung heißt da transeuropäisches Hinterland. Zeeland ist ja nicht zuletzt die Küste Nordrhein-Westfalens. Wer aber als Bochumer und Dortmunder die herrlichen Strände genießt, der sollte auch Verantwortung übernehmen. Wenn sich also die Atompläne einer künftigen niederländischen Regierung zuspitzen, dann werde ich verstärkt in NRW mobilisieren. Eine Menschenkette von Bottrop nach Vlissingen, wo der Reaktor steht, wäre ein tolles transeuropäisches Netzwerk und könnte vielleicht auch über EU-Strukturfonds mitfinanziert werden.

Jetzt aber zu Atommülldeutschland und den herrlichen Perspektiven. Der sympathische Bundesumweltminister Röttgen ist der Gustav Gans der Bundesregierung: Die 150.000, die am Wochenende auf den Beinen waren, sind seine Unterstützergruppe. Immerhin stehen diese Verantwortungsethiker für Erneuerbare (ruckizucki) und für so wenig Atommüll wie möglich. Da müsste eigentlich jeder Minister ohne Jahrtausendlager dankbar und persönlich gerührt sein. Aber es kommt noch besser für ihn. Weil wir Atomkraftgegner gerade einen Lauf haben, sollten wir jetzt in Richtung „full monty“ schreiten.

Mein Angebot im Gottschalk’schen Stil: Ich wette, dass ich bis Juli mindestens zehn weitere deutsche Stromkunden zur Kündigung bei einem Atomkonzern bewegen kann. Das wären zehn „Nein“ im Rahmen unseres Volksentscheids Atomenergie (siehe letzte Ausgabe Ökosex). Und weil wir schon bei den Symbolen der Achtzigerjahre sind, werde ich diesen Helden der Massenkündigung auch einen schönen Ökosex-Aufkleber für den Briefkasten machen: „Lebe wild und wohne / in der atomstromfreien Zone“.

Liebe 150.000, demonstrieren war dufte. Wenn jetzt jeder noch bei seinen Nachbarn Klinken putzen geht und zehn Kündigungen besorgt, dann sind das 1,5 Millionen Haushalte. Dann ist das der unwiderstehliche Beginn einer prächtigen Massenkündigung. MARTIN UNFRIED