MEDIA-CONTROL, ZDF, LESERPOST, „DUMMY“-GEHRS, JAHRLAG

Die Invasion der Marmeladenverkäufer

Hallo, taz-Medienredaktion! Focus.de, der Onlineauftritt zu dem Magazin, das keiner braucht, hat sich vor den Karren von Media-Control spannen lassen, nach Selbstauskunft „the world’s leading data provider“ und verbreitet die große Schwachsinnsmeldung „Rekordquote zum Geburtstag“.

Anlässlich von Thomas Gottschalks 60. Facelifting, nein, sorry: Geburtstag, hat der Datenbereitsteller in einer „Sonderauswertung“ die Zuschauerzahlen von „Wetten, dass …?“ seit 1995 zusammengerechnet und kann vermelden, dass die Sendung 1,3 Milliarden Zuschauer hatte. Es ist schön zu sehen, wie seriös dieser Weltenführer mit Zahlenmaterial umgeht und einfach mal einen Rekord aufstellt, wo keiner ist. Sicherlich könnte auch die „Tagesschau“ einen Rekord verbuchen, zählte man alle Nachrichtengucker, die die Sendung seit 1995 hatte. Oder die Mainzelmännchen. Bleibt noch die Frage, in welcher Kategorie Thommy Rekordhalter ist? In Sofasendungen? In Altherrenwitz? Oder vielleicht doch in „Sendungen von blonden Männern mit krummen Nasen“? Da kann er nur froh sein, dass Jopi Heesters nicht im Rennen ist. Der hatte bei seinen KZ-Auftritten auch viele Zuschauer.

Ich bleibe beim ZDF und kann Überraschendes berichten: Sie erinnern sich, dem Sender laufen, respektive sterben die Zuschauer weg, ich hatte Sie gebeten zu schreiben, was Sie gern sehen würden. Und jetzt kommt’s: Sie wollen gar nichts sehen. Zwei Zuschriften gab’s: eine, in der der Absender mitteilte, er sehe nicht fern, und eine mit einem recht handfesten Vorschlag. Den ich natürlich an Herrn Bellut weitergebe. Mir gibt dies meine Hoffnung auf Revolution durch die Massen zurück. Wenn diese sich doch nicht ins Komatöse senden lassen, werden sie sich bald zum Widerstand gegen die Macht des Kapitals formieren. Oder sind Sie doch alle schon lull und lall, weil Sie nachmittags auf RTL „Helmut Kohl – die Rollstuhldoku“ gucken?

Weil ich letzte Woche so ausgiebig meine LeserInnen gelobpreist habe, musste eine Meldung draußen bleiben, die ich nun mit einem warmen Salutschuss hereinholen möchte: Oliver Gehrs, Macher von Dummy und einer der wenigen Helden, die die zerbombte Medienlandschaft noch hat, hatte sich zum Frühjahrsputz beim Jahreszeiten Verlag geäußert. Das ist der Verlag, der alles rausgeschmissen hat, was nicht Führungskraft war. Gehrs sieht darin die Möglichkeit, „die etablierte Ideenlosigkeit durch kreative Frische von außen zu ersetzen“.

Nun hat der Dummy-Mann wahrscheinlich noch nie einen Fuß in eine Jalag-Redaktion gesetzt und weiß nicht, dass nicht bräsige Redakteure das Problem sind, sondern die Geschäftsführung. Diese gibt nicht nur mitunter die inhaltliche Ausrichtung vor, sondern lässt sich auch die Titelbilder vorlegen, um – wohl auf der Basis von Kompetenz – zu entscheiden, welcher Titel genommen wird.

Angefangen hatte das Übel, als Verleger Thomas Ganske vor einigen Jahren Jörg Hausendorf als Geschäftsführer einsetzte. Der kam von Schwartau, hatte also zuvor Marmeladen verkauft. Ich finde, das illustriert sehr schön, wo das gelandet ist, was früher Journalismus war: bei Marmeladenverkäufern.

Hausendorf ist mittlerweile bei Bauer, die nach ihrem „Top 100“-Aufkleber, mit einer neuen Idee an die Kioske gehen. So einen „Bestseller“-Top-Sticker möchte ich auch haben. Vielleicht, wenn mein Text online mehr Flattr bringt als der der Kollegen? Scheiße, geht ja nicht, meine Kolumne steht ja nicht online. Dann vielleicht „Best looking“. Oder „Best Burger in Town“. Und damit zurück nach Berlin!

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